Meinung
Deutschstunde

2017 gab es viele Blessuren für die Sprache

Es ist nicht leicht, für ein korrektes Deutsch zu werben. In Hamburg vermisse ich so manchen Bindestrich

In der letzten "Deutschstunde" dieses Jahres besteht die Gefahr, beim Rückblick mutlos zu werden, denkt man an die Flut der gewollten und ungewollten Angriffe, denen sich die deutsche Sprache in den vergangenen Monaten ausgesetzt sah. Es gilt bei den Meinungsführern mit der Penthouse-Perspektive in den Medien, Politik und Gesellschaft als angesagt, viele traditionelle Werte wegzureden und wegzuschreiben. Selbst Sigmar Gabriel, bis vor Kurzem SPD-Vorsitzender und zurzeit amtierender Außenminister, sah sich veranlasst, seine Partei zu ermahnen, trotz des postmodernen "Alles geht" auch die Begriffe "Heimat" und "Leitkultur" nicht ganz zu verdammen.

In diesem Umfeld ist es nicht leicht, für eine korrekte Rechtschreibung und Grammatik zu werben. Zwar erhalte ich überwältigende Unterstützung und Zustimmung in der Leserschaft, aber auch bösartige Angriffe von Genderistinnen, wenn sie den Ausdruck "Redepult" ok­troyieren wollen, weil an einem "Rednerpult" schließlich auch Rednerinnen stehen könnten. Dabei ist die Sprache einem steten Wandel ausgesetzt, aber wir sollten die Sprachentwicklung dem Volk "vom Maul" abschauen und nicht der Peitsche der angemaßten Political Correctness unterwerfen. Doch halt! Der Ausdruck "Volk" könnte Ärger bereiten, und selbst im Plural darf die Kunde über die Völker in Hamburg nicht mehr "Völkerkundemuseum" heißen, weil dieser Name, was man 138 Jahre übersehen hat, die längst vergangene Kolonialpolitik gutheißen könnte.

Ich bin versucht, das Jahr 2017 zum "Jahr des Bindestrichs" zu erklären, was man sehr variabel interpretieren darf, denn mal fehlte der Bindestrich aus Unwissen oder aus arroganter Demonstration, mal wurden wir mit einer Lawine von Bindestrichen überschüttet. Das Letztere war zum Beispiel in der Wahlbenachrichtigung zur schleswig-holsteinischen Landtagswahl am 7. Mai der Fall, mit der 2,3 Millionen Wahlberechtigte in den Status kognitiv Eingeschränkter versetzt wurden, weil sie ohne 72 orthografisch falsche Bindestriche nicht gewusst hätten, dass sie nicht den Landtag, aber den "Land-Tag" wählen und beim "Wahl-Brief" die "Post-Leit-Zahl" nicht vergessen sollten.

Andererseits vermisse ich beim Gang durch Hamburg den einen oder anderen Bindestrich, der nach dem amtlichen Regelwerk der Rechtschreibung gesetzt werden müsste. Im Deutschen werden alle Wörter, die vor dem Bezugswort stehen, mit Bindestrichen angekoppelt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schikane als um eine Lesehilfe. Stellen Sie sich vor, Ihnen begegnen in einem Text die Wörter "Johann Wolfgang von Goethe", dann würde sich Ihr Gehirn nach dem vierten Wort ganz auf den Dichterfürsten ausgerichtet und schon Einiges über den "Faust" und "Wilhelm Meister" bereitgestellt haben, und dann folgt plötzlich der Ausdruck "Universität".

Uff, hier geht es gar nicht um Goethe, sondern um die nach Goethe benannte Universität! Wenn sich die Universität, was sie in Frankfurt aber gar nicht tut, von vornherein und korrekt als Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität durchgekoppelt hätte, würden wir sofort nach dem Bezugswort gesucht haben.

Thalia ist die griechische Muse der heiteren Dichtkunst und des Lustspiels. Nach ihr sind unzählige Theater benannt. In ganz Deutschland heißt es Thalia-Theater mit Bindestrich, aber in Hamburg soll es "Thalia Theater" ohne Bindestrich heißen, weil ein längst abgewanderter Intendant seinem Haus schließlich keine Nullachtfünfzehn-Schreibweise zumuten wollte – und alle Feuilletonisten ahmen das niveauheischend nach. Allerdings steht an der Fassade zum Gerhart-Hauptmann-Platz in großen Leuchtbuchstaben "Thalia-Theater", und auch auf der Rückseite über dem Künstlereingang fehlt der Bindestrich im Namen nicht. Wie denn nun?

Warum heißt es "Ohnsorg-Theater" (richtig), aber "Ernst Deutsch Theater" (doppelt falsch)? Ich habe mir zu Weihnachten von meiner Tochter Karten für das Ohnsorg-Theater gewünscht, was nicht nur, aber auch mit dem Bindestrich zu tun hat.

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