Meinung
Deutschstunde

Als Doktor sind selbst Frauen männlich

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Foto: Klaus Bodig

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Das ist der generische Unterschied zwischen einer Berufsbezeichnung und dem akademischen Grad.

Angela Merkel ist Bundeskanzlerin, wenn zurzeit auch nur geschäftsführend und deutlich Jamaika-geschädigt. Als Frau steht ihr eine weibliche Berufsbezeichnung zu. Sie wird mit "Frau Bundeskanzlerin" angeredet und nicht etwa mit "Frau Bundeskanzler". Als promovierte Physikerin ist sie "Doktor der Naturwissenschaften" und nicht "Doktorin". Der akademische Grad Doktor kennt kein weibliches Geschlecht, was angesichts der Gender-Offensive und des Verfassungsgerichtsurteils ein wenig überraschend ist. Es heißt "Frau Doktor Merkel" und nicht "Frau Doktorin". Die Abkürzung Dr. ist nicht geschlechtsspezifisch: "Sehr geehrte Frau Dr. Schulze".

Steht "Doktor" in Verbindung mit einem Familiennamen, bleibt das Wort ungebeugt: "das Gutachten Doktor Schlaumeiers" oder "die Praxis Frau Doktor Müllers". Selbst wenn im Genitiv ein Artikel hinzutritt, erscheinen der "Doktor" und in diesem Fall auch der Name unflektiert: "das Haus des Doktor Tranemann". In der Anrede und Anschrift wird der Doktortitel gewöhnlich abgekürzt: "Herrn Dr. Wissensgut" oder "Frau Dr. Schulze-Bücherwurm". Nur wer besonders höflich sein will, lässt den Namen weg, muss dann den "Doktor" aber ausschreiben: "Sehr geehrter Herr Doktor!" In der Anschrift heißt es übrigens Herrn im Akkusativ und nicht "Herr", obwohl dieser Zusatz auf dem Briefumschlag heutzutage nicht mehr erforderlich ist. Dann sollte man allerdings zusätzlich den Vornamen benutzen: "Dr. Gottlieb Wissensgut/ Askle­piosweg 1 a".

Redet man mehrere Doktoren eines oder verschiedenen Geschlechts an, heißt es: "Sehr geehrte Damen und Herren Doktoren". Ist jemand Träger mehrerer Doktortitel, werden diese ohne Komma vor den Namen gesetzt: "Frau Dr. phil. Dr. med. Isolde Großkopf". Übersteigt die Zahl der Titel allerdings die Spaltenbreite, behilft man sich mit Dr. mult. (doctor multiplex "mehrfacher Doktor"). Ein Dr. h. c. ist ein doctor honoris causa ("der Ehre halber"). Die Abkürzung Dres. steht für doctores, für den Plural von doctor. Sie wird zusammenfassend vor eine Aufzählung mehrerer Personen gesetzt, die den Doktorgrad erworben haben: "Dres. Wilhelmine und Klaus-August Wasserplast, Internisten".

Ich weiß nicht, wie häufig ich schon die Frage beantwortet habe, ob es "Anfang dieses Jahres" oder "Anfang diesen Jahres" heißen müsse. Standardsprachlich heißt es dieses Jahres, selbst wenn sich "diesen Jahres" sogar bei Nachrichtensprechern ausgebreitet hat, die noch konservativ mit Krawatte und Anzug vor die Kamera treten. Die Analogie zu "Anfang vorigen Jahres" verleitet zur schwachen Form "diesen". Fallen Sie nicht darauf herein!

Das Demonstrativpronomen dieser, diese, dieses wird stark flektiert. Im Maskulinum und Neutrum lautet der Genitiv deshalb dieses: "die Länge dieses Artikels", "die Erkenntnisse dieses Textes". Ein Adjektiv nach dieser wird schwach gebeugt: "mit diesem ersten Buch". Um die Regel aber nicht zu einfach werden zu lassen, müssen wir ergänzen: Besitzanzeigende Fürwörter (Possessiva) hingegen werden nach dieser immer stark flektiert: "mit diesem seinem ersten Buch".

Ist in einem Satz von zwei Personen oder Sachen die Rede, auf die man sich mit dieser – jener zurückbezieht, so bezeichnet dieser das zuletzt Genannte, jener das zuerst Genannte: "Mutter und Tochter betraten den roten Teppich, diese trug einen Hosenanzug, jene ein Abendkleid." Zur Klarstellung: Die Mutter erschien im Abendkleid, die Tochter im Hosenanzug.

Manchmal ist es angebracht, die Komparativ-Fügung ersterer – letzterer zu gebrauchen, um die Zuordnung nicht zu einer Denksportaufgabe werden zu lassen: "Die Schauspielerin besaß ein Haus in Blankenese und eins auf Sylt." Ersteres hatte sie geerbt, letzteres kaufte sie im März dieses Jahres.

Allerdings setzt erstere – letztere eine gegensätzliche Betrachtungsweise vor­aus. Um Gemeinsamkeiten zu beschreiben, benutzt man beide: Beide [Häuser] sind nun Teil der Insolvenzmasse. Als Substantiv wird das Erstere großgeschrieben: "Ich möchte mit dem Ersteren beginnen."

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