Meinung
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Wenn der Kranke sich die Krankheit nur einbildet

… ist er dann ein eingebildeter Kranker oder eingebildet krank? Molière sollte doch richtig auf die Bühne kommen.

Es gibt Zuschriften, bei denen weiß man auf den ersten Blick nicht, ob man veralbert, in die Falle gelockt oder wieder einmal Schiedsrichter bei einer in fortgeschrittener Stimmung auf dem Kameradschaftsabend der Freiwilligen Feuerwehr abgeschlossenen Wette werden soll. Doch bevor man sich die Finger geschmeidig schüttelt, sein süffisantes und ironisches Vokabular ordnet und sich mit einer gewissen boshaften Entschlossenheit dem Keyboard zur Antwort nähert, muss man vorsichtshalber auch die verborgenen Regeln im Labyrinth der deutschen Grammatik durchforsten, um sicherzugehen, dass der Leser wirklich unrecht hat.

Ich bekam eine solche E-Mail, die sich las wie ein Scherz zur Eröffnung der Karnevalssaison, bei der der Absender aber dennoch recht hatte. Er hatte in der Abendblatt-Beilage "Theater privat" gelesen, Volker Lechtenbrink sei auf der Bühne "Der eingebildete Kranke". Der Leser klagt: "Schon seit Jahren versuche ich, Theater davon zu überzeugen, dass es nicht heißt 'Der eingebildete Kranke', sondern 'Der eingebildet Kranke'. Aber erfolglos. Mein Onkel Dr. Wilhelm F. hat mich seinerzeit darauf hingewiesen. Er war Mitglied im Deutschen Sprachverein. Wer eine solche Überschrift wählt, sollte sich das Stück besser vorher ansehen."

Es geht um Molières (1622–1673) letzte Komödie "Le malade imaginaire" (1673), in der die Hauptfigur Argan keineswegs eingebildet, arrogant und überheblich ist, sondern sich einbildet, auf vielerlei Art krank zu sein. Er ist, wie wir heute sagen würden, ein Hypochonder. Molière spielte die Hauptrolle selbst, kam aber nur bis zur vierten Vorstellung. Dann brach er auf der Bühne zusammen und starb noch im Kostüm.

Beim ersten Durchlesen der Mail murmelte ich so etwas wie "Sixtus Beckmesser" vor mich hin, griff zum Reclam-Heft meiner Schullektüre, auf dessen Titel groß "Der eingebildete Kranke" prangte, blätterte im Literatur-Kompendium und rief vorsichtshalber die Wikipedia auf – und siehe da, dieses unschlagbare Online-Lexikon gebrauchte konsequent den Titel "Der eingebildet Kranke". Dann endlich fiel mir die Regel 1.2.11 zur Flexion der Adjektive im Duden Band 9 (7. Aufl.) ein.

Diese Regel ist recht sperrig, muss aber einmal im Wortlaut zitiert werden: "Ein undekliniertes Adjektiv oder Partizip, das ein anderes Adjektiv oder Partizip näher bestimmt, bleibt bei dessen Umwandlung in eine Personenbezeichnung o. Ä. undekliniert."

Wir sagen: Er ist chronisch krank. Das erste Adjektiv (chronisch), das das zweite näher bestimmt (krank), ist unflektiert. Wenn das zweite Adjektiv nun zum Substantiv wird, bleibt das erste trotzdem undekliniert: der chronisch Kranke (nicht: der "chronische" Kranke). Aus "einschlägig vorbestraft" wird "der einschlägig Vorbestrafte", aus "ewig nörgelnd" der "ewig Nörgelnde" oder aus "unmittelbar vergangen" "unmittelbar Vergangenes".

In diesem Sinne ist die Übersetzung von "Le malade imaginaire" mit "Der eingebildete Kranke" unzutreffend, denn der Dargestellte ist eingebildet[ermaßen] oder vermeintlich krank und nicht eingebildet (Duden). An der Deklination der deutschen Adjektive verzweifelte schon Mark Twain, als er seinen Essay über "Die schreckliche deutsche Sprache" schrieb.

Es wird allerdings schwierig sein, in einem im Deutschen seit Jahrhunderten eingeführten Titel ein "e" zu tilgen, wenn wir dafür nur die gehobene Flexion und Syntax als Grund anführen können. Ich stelle mir den Aufruhr in meinem Postfach vor (wahrscheinlich verbunden mit den üblichen Bemerkungen über den Bildungsstand der Journalisten im Allgemeinen und denen des Abendblatts im Besonderen), hätte die Überschrift wirklich "Der eingebildet Kranke" gelautet.

Auch unser Einsender hat diesbezüglich alle Hoffnung aufgegeben: "Es scheint vergebens! In diesem Leben schaffe ich es nicht mehr, das deutschlandweit hinzubekommen." Er sollte sich nicht grämen. Schließlich gibt es heutzutage immer noch Leute, die die Erde für eine Scheibe halten. Manche Wahrheiten sprechen sich eben äußerst langsam herum.

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