Meinung
Deutschstunde

Wenn ein weißer Schimmel gar nicht weiß ist

Es ist nicht so einfach, sich einem Pferd hippologisch und einem Ausdruck pleonastisch zu nähern.

An der Christiana Albertina hatten wir vor fast 60 Jahren einen jovialen Geschichtsprofessor, der lud alle Erstsemester zum Umtrunk in seinen Garten an der Kieler Förde ein, bat aber angesichts des überfüllten Hörsaals vor der ersten Vorlesung die Studenten (und auch die wenigen Studentinnen), sich eine andere Lehrveranstaltung zu suchen, falls es ihnen nur um das Testat und nicht um das Interesse am Thema gehe. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Bedeutung der Allmende (Dorfweide) bei der Verkoppelung (Aufteilung der bisherigen Gemeinschaftsfläche) und der Aufhebung des Flurzwangs (vorgeschriebene Fruchtfolge) einen derartigen Andrang rechtfertige.

Meine Kolumne beansprucht keinen akademischen Rang, sondern soll in möglichst unterhaltender Weise auf einige Untiefen der deutschen Sprache hinweisen. Als Autor sage ich nicht wie jener Professor zu meinen Lesern, sie möchten sich einen anderen Artikel suchen, aber ich muss doch von vornherein warnen, dass es heute recht speziell werden wird. Mit dem Thema Pleonasmus, das ich vor einer Woche eher en passant angesprochen hatte, scheine ich einen unerwarteten Quotenerfolg erzielt zu haben.

Die Frage, was ein Pleonasmus ist, wurde tagelang mit schillernder Logik und Unlogik in meinem Postfach behandelt, sodass ich schon überlegte, statt eines Textes ein Sudoku zu veröffentlichen, um wenigstens einmal zu einer logisch einwandfreien Lösung zu kommen.

Sie erinnern sich: Pleonasmus ist der Fachbegriff für die Überfülle im Ausdruck, für das überflüssige mehrfache Auftreten eines Bedeutungsmerkmals bei einem Wort oder einer Wendung. Der Volksmund nennt so etwas „doppelt gemoppelt“, und selbst Klein Fritzchen hat sofort ein Beispiel parat: den weißen Schimmel. Inzwischen fühle ich mich wie ein Hippologe (Pferdekundler), der von allen Seiten belehrt worden ist, dass ein Schimmel nicht immer weiß wie in der Spanischen Hofreitschule sein müsse, sondern auch grau, gescheckt, apfelfarben oder was weiß ich wie sein dürfe.

Eine Bankkauffrau bezweifelte den pleonastischen Gehalt im Ausdruck nochmals überprüfen. Sie habe das Vieraugenprinzip gelernt, nach dem ein Kollege jeden Vorgang „nochmals überprüfen“ müsse. Sie irrt. Der Kollege soll den Vorgang entweder nochmals prüfen oder ganz einfach überprüfen. Die Verben „prüfen“ und „überprüfen“ dürfen nicht verwechselt werden, überprüfen bedeutet bereits „nochmals prüfen“. Eine Rückantwort ist kein Pleonasmus, weil dieses Kompositum eine andere Bedeutung gegenüber dem einfachen Wort bekommt (Antwort auf eine bestimmte Anfrage). Wenn wir uns einen Drink mixen oder mit einem Freund zusammen mixen, wird er wahrscheinlich schmecken, wenn wir aber etwas zusammenmixen, bedeutet „zusammen“ ein zusätzliches abwertendes Merkmal und keinen Pleonasmus.

Vorsicht beim Gebrauch von Modalverben, die eine Aussage modal (nach der Art und Weise) bereits abtönen, sodass ein zusätzlicher entsprechender Redeteil falsch ist: Es kann „möglich“ sein, dass sie kommt (richtig: Es kann sein, dass sie kommt). Ich sah mich genötigt, abreisen „zu müssen“ (richtig: Ich sah mich genötigt abzureisen) oder: Er dürfte es „vermutlich“ erfahren haben (statt: Er dürfte es erfahren haben).

Pleonasmen entstehen auch häufig durch die Verbindung des Präfixes ent- und der Präposition aus. Nicht: Der Mediziner entstammt „aus“ einer Familie berühmter Ärzte, sondern: Der Mediziner entstammt einer Familie berühmter Ärzte.

Paarformeln sind in diesem Zusammenhang entweder Pleonasmen oder gewollte Ausdrucksverstärkungen mithilfe sinnverwandter Wiederholungen (voll und ganz, einzig und allein, immer und ewig, Hilfe und Beistand). Dann sprechen wir von einer Tautologie, was so viel bedeutet wie „dasselbe sagen“.

Nur der Vollständigkeit halber: In der Rhetorik heißt eine Stilfigur wie bitten und flehen ein Hendiadyoin („eins durch zwei“). In der Logik ist ein tautologischer Satz unter allen Bedingungen wahr, zum Beispiel: Entweder es regnet, oder es regnet nicht.

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