Meinung
Deutschstunde

Als Kapuzenpullover klingt er viel zu deutsch

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Aber als Hoodie ist er der großen Renner. Allerdings wird unsere Sprache nicht nur durch Anglizismen gefährdet.

Wissen Sie, was ein Hoodie ist? Wie bitte, Sie kennen den oder das Hoodie nicht? Immerhin hat es das Wort in den neuen Duden geschafft. Ich muss bekennen, dass auch ich den Begriff zum ersten Mal in der Pressemitteilung zum Erscheinen der 27. Auflage des Rechtschreibdudens las. Man möge mir das nachsehen. Offenbar habe ich mit 76 Jahren ein wenig den Anschluss an die aktuelle Kleiderordnung verloren.

Als ich meine Tochter fragte, wer oder was das sei, schüttelte sie verständnislos mit dem Kopf und holte gleich drei Exemplare davon aus dem Schrank. Offenbar handelt es sich um einen Kapuzenpullover, den deutsch Kapuzenpullover zu nennen den Verkauf ("Sale") und die Verbreitung ("Marketing") bei der Jugend stark beeinträchtigen würde. Anglizismen versprechen eben ein besseres Geschäft, sind "cool", sodass wir die Hoodies massenhaft als Dienstkleidung auf den Schulhöfen, in der Nordkurve des Volksparkstadions und auch als Teilvermummung bei angemeldeten und unangemeldeten Ansammlungen sehen. Der Duden bietet noch "Sweatshirt" (weit geschnittener Pullover) als weitere Erklärung an. Aber es ergibt wohl wenig Sinn, den einen Anglizismus durch einen anderen Anglizismus zu ersetzen.

Jumpsuit (einteiliger Hosenanzug), Undercut (Frisur, bei der der untere Kopfbereich rasiert ist) oder Urban Gardening (Gartenbau innerhalb von Städten) sind weitere Anglizismen, die jetzt Duden-geadelt wurden, die man, wie die Übersetzungen in Klammern zeigen, jedoch auch gut auf Deutsch hätte ausdrücken können. Es gibt Leute, Vereine und Sprachgesellschaften, bei denen schrillen bei jedem weiteren englischen Wort, das in Deutschland landet, die Alarmglocken. Doch das meiste, was den Sprung über den Ärmelkanal geschafft hat, wird ohne große Schwierigkeiten integriert. Ich überlege, wie ich T-Shirt auf Deutsch ausdrücken sollte.

Wenn Mutter ihre achtjährige Tochter fragte: "Willst du heute das rote oder das grüne kurzärmelige Oberteil aus Trikot anziehen?", würde die Kleine quengeln: "Ich will aber ein T-Shirt tragen!" Auch das Steckenpferd wird sie nicht mehr zuordnen können und an ein antiquiertes Holzspielzeug vom Grabbeltisch im Supermarkt denken, während die Frage nach ihren Hobbys sofort zu verstehen ist. Ganz schwierig wird es beim Backfisch, wie zu Großmutters Zeiten junge Mädchen genannt wurden. Falls man heute einen Teenager als Backfisch bezeichnete, würde der sich bestenfalls mit einem Gericht auf der Speisekarte von Daniel Wischer verglichen fühlen.

Der Brexit bezieht sich nicht auf die Sprache. Bei aller Sorge über das Englische oder Denglische im Wortschatz dürfen wir nicht übersehen, dass das Deutsche viel mehr im Inneren durch das Deutsche selbst gefährdet ist, durch Ideologen, Pädagogen, Sprachpolizisten, Feministinnen und Drückerkolonnen der angeblich politisch korrekten Formulierungen, die einen meist kabarettreifen, aber überaus störenden Einfluss ausüben. Zum Beispiel geht es um die sogenannte geschlechtergerechte Sprache, die den Unterschied zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht ignoriert und dabei mit der Zahl der Geschlechter, wie wir sie aus der Arche Noah und Brehms Tierleben kennen, nicht zufrieden ist.

Das generische Maskulinum, das Indefinitpronomen man, der Binnenversal ("Fußgän­gerInnen"), Paarformeln ("Einwohner und Einwohnerinnen"), Sternchen ("Schüler*innen"), x-Geschlecht ("Professor-x") und Partizipialausdrücke ("Geflüchtete, zu Fuß Gehende") werden präsentiert und nicht selten mit Hass verteidigt. Allerdings spricht sich eine Mehrheit der Erwachsenen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov klar gegen eine gendergerechte Sprache aus.

Schon länger schränkt die Political Correctness, die von den Betroffenen nicht nur gewünschte, sondern in der Praxis sogar oktroyierte Übernahme der von ihnen gewählten Bezeichnungen, die Freiheit des Formulierens erheblich ein. Neuerdings steht sogar das Verb füttern auf dem Index, weil in Bezug auf pflegedürftige Personen eine Assoziation mit der Nahrungsaufnahme von Tieren entstehen könnte.

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