Meinung
Leitartikel

Mehr Sport als in Hamburg geht nicht

Hamburg hat sich diesen Sommer mit Großveranstaltungen auf die Weltkarte gesetzt

Sadiq Khan ist seit Mai 2016 Bürgermeister von London. Um seine Stadt, die alles hat, Königin, Prinzen, Popstars, Denkmäler, Sehenswürdigkeiten, weiter als Weltmetropole positionieren können, hat er beschlossen, noch mehr Sport an die Themse zu holen. Sport, sagt das erste Londoner Stadtoberhaupt islamischen Glaubens, sei das stärkste Medium, um globale Aufmerksamkeit zu wecken, ein strategischer Standortfaktor. Einen besseren gäbe es in der heutigen schnelllebigen Zeit kaum.

Im August hat London die Leichtathletik-Weltmeisterschaften für Behinderte und Nicht-Behinderte ausgerichtet. Es waren zwei grandiose Feste. Die Stadt aber, die in diesem Sommer Spitzensport fast im Wochentakt nicht nur präsentierte, auch massenhaft zelebrierte, heißt Hamburg. Kein anderer Ort der Welt bot dem lokalen und globalen Pu­blikum ähnlich hochklassige Events – und davon gleich neun in Folge.

Mit den Amateurbox-Weltmeisterschaften endete Sonnabend ein Sportsommer, wie ihn Hamburg noch nie erlebt hat. Nach dem (Auf-)Galopp in Horn folgten Triathlon, Tennis, Segeln, Ironman, Basketball, Cyclassics, Beachvolleyball und Boxen – hochklassige Wettkämpfe, meist mit den Besten der Welt. Auch wenn die Hamburger der Olympiabewerbung – eher wohl dem wenig vertrauenswürdigen Internationalen Olympischen Komitee – eine Absage erteilten: Die Lust auf Sport scheint ungebrochen.

Hamburg habe aus der gescheiterten Kampagne für die Olympischen Sommerspiele 2024 und 2028, die nun in Paris und Los Angeles stattfinden, neue Kraft geschöpft, sagte erst kürzlich Michael Vesper, der scheidende Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), im Abendblatt-Interview. Mit dem Masterplan ActiveCity und dem Ausbau bestehender Topsportveranstaltungen verfolge die Stadt ein klares Konzept. Sie will die Menschen bewegen. Großveranstaltungen sollen sie dazu animieren, der Umbau der Infrastruktur ihnen die topografischen Möglichkeiten dafür bieten – durch mehr Fahrradwege, mehr Parksport etwa.

Hamburg hat zuletzt nicht nur schöne Szenen für die Welt produziert. Der Sport aber hat nach dem G20-Gipfel das Ansehen der Stadt wieder ein wenig korrigieren können. Bilder von Athleten mit Rathaus, Hafen, Elbphilharmonie oder Alster im Hintergrund wecken die Neugier der Menschen, schaffen einen positiven Imagetransfer für die gesamte Stadt, je nach Reichweite der Medien deutschland-, europa- und weltweit. Davon profitieren in einer langen Wertschöpfungskette letztlich alle, kulturell und wirtschaftlich: Sportler, Vereine, Verbände, Geschäftsleute, Ein- und Anwohner – die gesamte Metropolregion.

Hamburg stößt jedoch an seine Grenzen. Die Innenstadt verträgt keine zusätzlichen Veranstaltungen mehr, schon jetzt sind erste Kannibalisierungseffekte zu beobachten, wenn Ausdauersportler nicht bei den Radrennen der Cyclassics, sondern beim neu geschaffenen Ironman starten. Auch muss die Frage erlaubt sein, ob jede Veranstaltung mit sechsstelligen Summen subventioniert werden sollte. Die meisten Events machen längst Gewinn, Investitionen in die Spitzensport-Infrastruktur, in Spitzentrainer, Sportinternate hätten mindestens ähnlich nachhaltige Effekte.

Hamburg hat sich als Sportstadt inzwischen einen Namen gemacht, hat Sportarten wie den Triathlon aus der Nische geholt und zur weltweiten Anerkennung verholfen. Die provokante These sei deshalb erlaubt: Nicht die Stadt sollte den Sportverbänden und -agenturen Geld zahlen, umgekehrt ergibt es Sinn. Hamburg als Bühne wertet jedes Sportevent auf. Das ist letztlich unbezahlbar.