Meinung
Deutschstunde

Das Aalkraut war genau gewogen und fein gewiegt

Ist eines der Partizipien falsch gebildet? Nein, hier geht es vielmehr um die Mehrdeutigkeit des Verbs „wiegen“.

Es gibt im Deutschen eine Reihe von Wörtern, die werden zumindest in der Grundform gleich gesprochen und gleich geschrieben, haben aber eine unterschiedliche Bedeutung und meistens auch eine unterschiedliche Flexion (Beugung). Sie sind homonym, also gleichlautend und identisch geschrieben. Und weil sie so leicht zu verwechseln sind, werden sie auch immer wieder verwechselt.

Das Verb hängen tritt bekanntlich doppelt auf, einmal stark (hängen, hing, gehangen) und einmal als schwacher Verwandter (hängen, hängte, gehängt). Trotz dieser engen Verwandtschaft besitzen die Wörter eine verschiedene Aussage – entweder „an einer bestimmten Stelle befestigt sein“ (stark) oder „etwas an einer bestimmten Stelle befestigen“ (schwach). Man kann auch sagen, das schwache Verb bezeichnet eine Tätigkeit („Er hängte das Bild an die Wand“), das starke Verb aber einen Zustand („Das Bild hing an der Wand“).

Noch schwieriger sind die Homonyme wiegen „auseinanderzuklamüsern“, wie der Hamburger sagt. Gibt es einen Unterschied zwischen gewiegt und gewogen?, fragt ein Leser. Den gibt es, in der Tat! Wenn ein Politiker die Vorzeichen falsch gewogen hat, dann hat er sie in ihrer Schwere und Bedeutung falsch eingeschätzt. Falls aber etwas falsch gewiegt wurde, sind zum Beispiel die Schlepper auf der Elbe während des Hafengeburtstags beim Hin- und Herschaukeln aus dem Takt geraten.

Doch der Reihe nach. Das starke Verb wiegen, wog, gewogen bedeutet im Ursprung „etwas auf eine Waage legen und das Gewicht feststellen“. Die schwache Form wiegen, wiegte, gewiegt sagt etwas völlig anderes aus, nämlich „etwas in schaukelnde Bewegung versetzen“. Das eine kommt von der Waage, das andere von der Wiege. Wenn das Baby erst gewogen und dann gewiegt wird, legt die Mutter es zuerst auf die Waage, um festzustellen, ob es abends nach dem Bäuerchen ein paar Gramm zugenommen hat, und dann in die Wiege, um es in den Schlaf zu wiegen (zu schaukeln).

Für Jüngere sei vorsichtshalber die Erklärung angefügt, dass eine Wiege eine Art Kasten mit abgerundeten Kufen ist, die nicht längs, sondern quer angebracht sind, sodass das Gebilde von Mama oder Papa um die Längsachse geschaukelt werden kann. Ähnliches muss mir vor fast 76 Jahren auch widerfahren sein, und soweit ich mich (wenn auch dunkel) erinnere, stellte ich danach mein Gebrüll nicht aus Wohl­befinden, sondern aus purer Überraschung für einen Augenblick ein.

Wenn ein Koch die Zutaten zur Hamburger Aalsuppe genau gewogen und dann gewiegt hat, so liegt hier keineswegs ein sprachlicher Kompromiss vor. Alles hat seine Richtigkeit. wiegen (schwach) tritt auch in der Nebenbedeutung „mit einem Wiegemesser zerkleinern“ auf. Ein Wiegemesser hat Kufen wie eine Wiege, nur messerscharf geschliffen und aus Solinger Stahl.

Fein gewiegte Aalkräuter wie Estragon, Ysop, Köll, Pimpernelle und Tripmadam sind also nicht geschnitten, sondern kleingeschaukelt worden. Das zweite Partizip von wiegen (der Wiege) hat sich als Adjektiv selbstständig gemacht. In diesem Zusammenhang bedeutet gewiegt so viel wie „sehr erfahren, schlau, durchtrieben“. Wer gewiegt ist, ist eigentlich in einer Wiege geschaukelt und groß geworden: Der Bursche ist ganz schön gewiegt. Die gewiegtesten „Tatort“-Kommissare kommen aus Münster. „Einen Menschen in Sicherheit wiegen“ bedeutet „ihn glauben machen, dass keine Gefahr droht“ – oder drastischer: ihn verschaukeln. Womit wir wieder beim Schaukeln der Wiege wären.

Was dem einen Verb recht ist, ist seinem Homonym billig. Auch das zweite Partizip von wiegen (auf der Waage) ist ein eigenständiges Adjektiv: gewogen in der Bedeutung „zugetan, freundlich gesinnt, wohlgesinnt“, eigentlich „Gewicht oder Wert haben, angemessen sein“. Er war ihm stets gewogen. Ich wandte mich an einen unserem Anliegen gewogenen Abgeordneten. Die Prüfer zeigten sich ihr nicht gewogen und ließen sie durch das Examen fallen.

Gewogen und zu leicht befunden, urteilte der Prophet Daniel, habe König Belsazar in Babylon die Schrift an der Wand, das Menetekel, das ein drohendes Unheil ankündigte.

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