Meinung
Deutschstunde

Als sich das Wüstenschiff der Oase näherte …

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

… hatten wir es nicht mit den Folgen der ausbleibenden Elbvertiefung zu tun, sondern mit der Stilfigur der Metapher

Der Sender NDR Welle Nord macht sich hier auf dem Dorf zwischen Hamburg und Lübeck gut als Standardfrequenz im Autoradio. Er vermittelt ein stammverwandtes Heimatgefühl, bringt das Wetter bis zum letzten Regenguss im Herzogtum Lauenburg und warnt vor allem aktuell vor den Blitzern im Lande. Zum Schluss der Verkehrsdurchsagen steht seit Jahren, als habe die Redaktion ein schlechtes Gewissen, der Polizei mit der Warnung vor Radarfallen die Quote verdorben zu haben, der Spruch: „Schleswig-Holstein fährt fair!“ Was soll das sein? Eine Art hippokratischer Eid für Autofahrer, den der NDR im Namen sämtlicher Leute am Steuer zwischen Flensburg und Geesthacht abgibt? Mich nervt, ungefragt alle 30 Minuten auf diese Weise moralisch einbezogen zu werden.

Auch ein Leser beanstandet diese öffentlich-rechtliche Dauerfloskel, allerdings weniger moralisch als syntaktisch. „Schleswig-Holstein ist ein Land, und ein Land kann nicht fahren“, klagt er. „Fahren könnten nur die Schleswig-Holsteiner als Individuen.“ Hier haben wir wieder einmal ein Beispiel, dass jemand die Stilistik, die erst den Reichtum und den Schmuck der deutschen Sprache ausmacht, zu karg und zu wörtlich nimmt. Seit den alten Griechen wird die mündliche oder schriftliche Rede mit einer Fülle von Stilfiguren angereichert, deren Bedeutung und Bilder wir als Ganzes aufnehmen sollen und nicht mit dem Skalpell bis zum letzten Buchstaben zerschneiden dürfen.

Bei der Stilfigur, in der Schleswig-Holstein mehr oder weniger fair fährt, handelt es sich um eine Synekdoche (griech. „das Mitverstehen“), bei der ein Begriff durch einen engeren oder weiteren aus demselben Umfeld ersetzt wird. Die genannte Fachbezeichnung gehört nicht gerade zur Alltagssprache, doch ihre rhetorischen Auswirkungen sind gang und gäbe. Wenn es heißt: Wir wohnen alle unter einem Dach, so wird niemand annehmen, wir hausten alle oben unter den blanken Pfannen im First, sondern richtig verstehen, dass drei Generationen in ein und demselben Haus leben. Ein Teil (das Dach) ersetzt stilistisch das Ganze (das Haus).

Gestatten Sie mir bitte, der Vollständigkeit halber auch hierfür die Fachbezeichnung zu nennen. Wir haben es mit einem Pars pro Toto (lat. „Teil für das Ganze“) zu tun, mit einem Sonderfall der Synekdoche. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Bei der Zählung „drei Scheiben pro Kopf oder pro Nase“ ist kein Körperteil gemeint, sondern der gesamte Mensch. Vater schimpft mit Susi: „Iss deinen Teller auf!“ Natürlich soll Susi nun nicht auf Porzellan kauen, sondern den Spinat nicht zurücklassen.

Man kann den Bezug auch umkehren. Dann steht das Ganze für einen Teil. Diese weitere Unterart der Synekdoche wird Totum pro Parte genannt (lat. „Das Ganze für einen Teil“). Beispiele: Die Schweiz holt drei Goldmedaillen bei der Skiweltmeisterschaft (für: das Schweizer Skiteam); Frankreich hat gewählt (die Franzosen, die zur Wahl gegangen sind); Berlin ist zufrieden (die Politiker in der Hauptstadt) – und, um auf den Anlass zurückzukommen: Schleswig-Holstein fährt fair (die Autofahrer in Schleswig-Holstein).

Das Spezielle, die Art, kann auch für das Allgemeine, die Gattung, stehen. Die Bitte, uns unser tägliches Brot zu geben, bedeutet nicht, dass die Menschheit sich ausschließlich von Brot ernährt. Drei Mann hoch sind drei Menschen, und gendergerecht sei erwähnt, dass es sich auch um Frauen oder sonstige Geschlechter handeln kann.

Die Ersatzbegriffe bei der Synekdoche stammen aus dem gleichen Bedeutungsumfeld (das Dach sitzt fest auf dem Haus, Berlin ist ein Teil von Deutschland). Das ist bei der Metapher nicht der Fall, die ein Sprachbild durch ein anderes ersetzt. Wenn sich ein Wüstenschiff der Oase nähert, lässt Hapag- Lloyd nicht etwa mangels Elbvertiefung seine Frachter durch die Sahara ziehen, sondern bei der Metapher „Wüstenschiff“ haben wir es schlicht mit einem Kamel zu tun. Wenn jemand eine Mauer des Schweigens errichten will, so bedeutet diese Metapher kein Angebot einer Baufirma an Donald Trump, sondern sagt aus, dass das totale Schweigen herrschen soll.

deutschstunde@t-online.de