Meinung
Deutschstunde

Wenn die Leichte Sprache zur Satire wird

Vergessen Sie nicht, den Land-Tag zu wählen! Das geht auch per Brief-Wahl, falls Sie Ihre Post-Leit-Zahl kennen.

Es stand zu befürchten, dass der Bindestrich in der deutschen Schriftsprache aussterben würde. Immer mehr Zusammensetzungen, die gekoppelt werden sollten, erschienen mit einem einfachen Leerzeichen, das auf dem Smartphone oder im Internet schneller zu erzeugen ist. Doch die Freunde des Bindestrichs können aufatmen. Der schleswig-holsteinische Landeswahlleiter hat eine Rettungsaktion gestartet, wobei er nicht etwa eine Prise Bindestriche in seinen Text streut, sondern gleich in die Vollen geht: In der Wahlbenachrichtigung, Pardon!, natürlich in der „Wahl-Benachrichtigung“ zur Wahl zum 19. Landtag, nein!, zum „Land-Tag“ finden sich samt Beiblatt 73 Bindestriche, die dort nach den Regeln der deutschen Sprache nicht hingehören, die richtigen wie im Ländernamen („Länder-Namen“?) gar nicht mitgezählt.

An Kopplungen wie „Wahl-Tag, Wahl-Schein, Familien-Name, Gemeinde-Wahl-Behörde, Haus-Nummer“ oder „Geburts-Datum“, an Hackfleischwörter wie „Post-Leit-Zahl“ oder an das abgetrennte Präfix in „Vor-Name“ muss man sich erst einmal gewöhnen. Offenbar habe ich seit 70 Jahren und in 340 Folgen dieser Kolumne bisher stets die falsche Rechtschreibung vertreten.

Allerdings scheint es sich hier weniger um eine orthografische als um eine ideologische Frage zu handeln, auf die die angeschriebenen 2,3 Millionen Wahlberechtigten nicht vorbereitet worden waren. Um auch die letzten Leseschwachen oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen mitzunehmen, ist die Benachrichtigung in der sogenannten Leichten Sprache verfasst. Das ist zu begrüßen. Es ist jedoch nicht einsichtig, warum umgekehrt die überwältigende Mehrheit der Wahlberechtigten durch diese Bindestrich-Flut ausgegrenzt wird und verärgert das Interesse an dem Wahlakt verliert. Es ist erst recht nicht einsichtig, warum jemand, der nicht weiß, was der Landtag ist, obwohl er ihn wählen soll, bei der Schreibweise „Land-Tag“ schlauer sein wird. Die Leichte Sprache macht hier das Lesen nicht leichter, sondern schwieriger.

Es gibt viele Beauftragte, Vereine und Institutionen, die dieser Gruppe Hilfe und Aufklärung leisten können, wo sie ihr Kreuz hinmalen soll. Die Gehörlosenbeauftragte in Hamburg erinnerte am Sonnabend im Abendblatt an diejenigen, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist, die offenbar mit 73 Bindestrichen verständlicher gerät. In einem öffentlichen Hallenbad wird das Schwimmerbecken ja auch nicht nur auf 50 Zentimeter gefüllt, um den letzten Nichtschwimmer nicht zu gefährden, sondern man baut daneben ein extra Nichtschwimmerbecken.

Die Ankündigung eines hoheitlichen Aktes in einem deutschen Bundesland hat in deutscher Sprache zu erfolgen. Die schriftliche Form der deutschen Sprache ist durch den Beschluss der Kultusminister vom 1. August 2006 für Schulen und Behörden verbindlich im Amtlichen Regelwerk festgelegt. Die Leichte Sprache (mit großem L) sollte sich dabei auf eine leichte Sprache (mit kleinem l) mit verständlichen Formulierungen (keine juristischen Schachtelsätze) beschränken, aber nicht auf eine Guinnessbuch-reife Bindestrich-Orgie.

Komposita (Wortzusammensetzungen) werden im Allgemeinen zusammengeschrieben, ganz gleich, ob ihre Bestandteile einfach oder selbst schon zusammengesetzt sind: Klimaanlage, Unfallversicherung, Windschutzscheibe. Nur in unübersichtlichen Komposita kann ein Bindestrich gesetzt werden: Stadtverwaltungs-Oberinspektorin, Gemeindegrundsteuer-Veranlagung. Um Missverständnisse zu vermeiden, dürfen Zweit- und Erstglied voneinander entsprechend der Bedeutung des Kompositums getrennt werden, zum Beispiel beim „Druckerzeugnis“, das sowohl Druck-Erzeugnis wie Drucker-Zeugnis bedeuten könnte.

Zweigliedrige Zusammensetzungen wie „Land-Tag“ oder „Brief-Wahl“ werden nie gekoppelt. Mehrgliedrige Komposita bekommen höchstens einen, aber nicht mehrere Bindestriche, also zur Not Wahlkreis-Nummer, aber doch nicht „Wahl-Kreis-Nummer“. Ich fürchte, der Landes-Wahl-Leiter hat den Bemühungen um Integration und Inklusion einen Bärendienst erwiesen.

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