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Gewichte am Hals und Lastwagenreifen ziehen

Seine Kampfansage enthielt wie bei ihm üblich eine ordentliche Dosis Testosteron. "Diese Autos trennen die Jungs von den Männern", hatte Dreifach-Weltmeister Lewis Hamilton kürzlich nach den Testfahrten in Barcelona prophezeit. Gemeint ist sein neuer Mercedes-Bolide, der wie die Rennwagen der Kollegen in diesem Jahr schwerer und trotzdem schneller sein wird, wenn am kommenden Sonntag mit dem Großen Preis von Australien die Formel 1 für das Jahr 2017 in Melbourne beginnt. Breitere Reifen, ein größeres Chassis, mehr Benzin im Tank und bis zu 40 Stundenkilometer höhere Kurvengeschwindigkeiten sind die Eckdaten des aktuellen Designs. Dabei entwickeln sich so viel höhere Fliehkräfte, dass die meisten Piloten im vergangenen Winter vorsichtshalber extrem an einer körpereigenen Absicherung gearbeitet haben: Muskelzuwachs insgesamt, vor allem aber für den Hals.

Der zweifache Weltmeister Fernando Alonso beispielsweise soll für die perfekte Beherrschung seines McLaren den Nackenumfang um beeindruckende zehn Zentimeter vergrößert und seit dem WM-Finale in Abu Dhabi 2016 vier Kilogramm Körpergewicht zugenommen haben. Toro-Rosso-Pilot Carlos Sainz, mit 22 Jahren einer der Youngsters, beschwert seinen Helm neuerdings mit Bleigewichten beim Training auf der Rennstrecke – aber auch im Kraftraum. Fünf Kilo plus zeigt bei ihm die Waage. Schaut man sich die Postings vieler Fahrer in den sozialen Medien an, sind vermehrt kraftbolzende Männer in Bodybuilderposen zu sehen. Vorneweg, natürlich, der aktuelle Vize-Weltmeister Lewis Hamilton, der seinen tätowierten und definierten Oberkörper ohnehin mit Vorliebe textilfrei zeigt.

Nicht, dass Formel-1-Piloten nicht sowieso fit sind. Spätestens seit Michael Schumacher an der Rudermaschine sitzend lässig Interview-Rallys neben dem Renntraining in Jerez absolvierte, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Arbeit am Körper genauso wichtig ist wie die Arbeit am und mit dem Auto. Der erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten setzte auch in Sachen Fitness neue Maßstäbe. Dennoch hält sich hartnäckig das Vorurteil, Hamilton, Vettel und Co. drehten sich nur im Kreis. Das Gegenteil ist der Fall.

In der jüngeren Vergangenheit waren eher sehnige Ausdauertypen gefragt. Die mussten zum Ausgleich zu den immer schwerer werdenden Boliden abspecken, damit die Kombination von Auto und Mensch (werden zusammen gewogen) möglichst noch unterhalb des erlaubten Gesamtgewichts blieb. Was die Männer an Masse einsparten, nutzten die Ingenieure durch Zusatzgewichte für eine perfekte Aerodynamik der Autos. 2014 betrug das Maximalgewicht 691 Kilogramm. Der kürzlich zurückgetretene McLaren-Fahrer Jenson Button hatte durch Triathlon-Training seinen Körperfettanteil auf fast krankhafte sechs Prozent optimiert. Jahre vorher war über den ebenfalls hochgewachsenen Briten David Coulthard bekannt geworden, dass er unter Bulimie litt. Gewichtmachen bis in die Krankheit.

Nun ist wieder alles anders in der Formel 1 – wie schon so oft. Die Autos sind bei 725 Kilogramm Gesamtgewicht so schwer wie nie, aber auch die Abtriebkräfte groß wie nie. Um das aushalten und handeln zu können, sind Muskelmänner gefragt. Eiweiß-Diäten, Gewichte am Hals, Krafttraining mit Lastwagenreifen – so eine Liste der kreativen Quälereien kennt man eher von den Ski-Rennläufern, die bei Geschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern und mehr natürliche Airbags als Schutz vor Verletzungen brauchen.

Mehr Entertainment, mehr Spannung, Spektakel wie beim Super-Bowl in den USA verspricht der neue Formel-1-Chef Chase Carey. Die Fahrer sollen wieder mehr Anteil am Rennverlauf haben. The show must go on. Die Intensität, mit der sich die Piloten auch körperlich auf die neuen Anforderungen vorbereiten, zeigt vor allem eines: Motorsport ist Hochleistungssport, und damit sind nicht die Maschinen gemeint.

Schon die Gladiatoren im alten Rom bereiteten sich professionell auf ihre Kämpfe vor. Für sie aber ging es um Leben oder Tod. "Lugula", "Stich ihn ab", votierte das Volk vor 2000 Jahren bei schlechter Performance. Im modernen Showbusiness sind die Fans humaner. Ihr Daumen ist die Eintrittskarte oder der Ein- und Ausschaltknopf. Schaden können sich die Gladiatoren von heute nur selber. Gesundheitlich oder auf der Rennstrecke.

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