Meinung
Leitartikel

Die Hamburger Handelskammer bebt

Böse Worte, großer Streit: Es geht um Geld, Macht und Symbolik

Wenn es einen Inbegriff für hanseatische Tradition und Standfestigkeit gibt, ist es die Handelskammer. Oder sollte man besser sagen, war es die Handelskammer? Denn schon jetzt, vor der im Januar beginnenden Wahl zum neuen Plenum, dem Parlament der Institution, steht fest: Die Handelskammer wird ab dem kommenden Jahr eine andere sein.

Sie wird sich in einer Art und Weise erneuern (müssen), wie es Hamburg wahrscheinlich noch nicht erlebt hat. Vor allem dürfte sie eine Wahl erleben, die diesen Namen wirklich verdient. Angesichts der Gruppen, die sich gebildet haben und die heftig miteinander streiten (zum Beispiel heute im Hamburger Abendblatt), wird es mit Sicherheit eine deutlich höhere Wahlbeteiligung als in der Vergangenheit geben. Zumindest das dürfte alle freuen, auch die von den sogenannten Rebellen kritisierte Kammerführung.

Dass der Tonfall sich dabei von dem gewöhnlichen Handelskammerstil abhebt, muss nicht schlimm sein, wenn sich das auf den Wahlkampf ­beschränkt. Dass sich normalerweise honorige Hamburger Kaufleute dazu hinreißen lassen, ihre Interessenvertretung eine „aufgeblähte Eitelkeitsmaschine“ zu nennen, zeigt, wie sich Unzufriedenheit aufgestaut hat. Sonst wären auch spöttische Formulierungen wie jene über Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz nicht möglich, „der sich von seinem Fahrer noch das dünne Aktenmäppchen nachtragen lässt“. Auf Schmidt-Trenz, seit zwei Jahrzehnten das Gesicht der Handelskammer, haben sich die Rebellen eingeschossen, seit bekannt wurde, dass er rund 500.000 Euro im Jahr verdient.

Auch dies eine Zahl, die für die Anhänger der Rebellen ein Signal ist: Bei der Kammer stimmt für sie das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr. Da ist das Versprechen, die Pflichtbeiträge abzuschaffen, umso verlockender – auch wenn niemand weiß, in welcher Form und ob es die Handelskammer dann überhaupt noch geben würde. Allein, dass die Finanzierung der Handelskammer komplett zur Disposition gestellt wird, beweist, worum es diesmal gehen könnte. Die sogenannten Traditionalisten, aber auch Kaufleute über alle Branchen hinweg machen sich Sorgen, dass Image und Einfluss der Handelskammer angesichts der geführten Diskussionen Schaden erleiden könnten. Das ist natürlich möglich. Genauso möglich ist aber, dass die Handelskammer gestärkt aus dem Dreikampf der Gruppen hervorgeht, weil sie ihren Kritikern zeigt, dass sie zu internen Auseinandersetzungen und grundlegenden Änderungen bereit ist.

Und grundlegende Änderungen wird es unabhängig davon geben, wer sich bei der Wahl durchsetzt und wer am Ende Präses wird. Die Morgensprache, das umstrittene Fest in historischen Kostümen, dürfte nicht mehr lange zu halten sein. Die Sitzungen und Entscheidungen des Kammer-Plenums werden von einer mehr oder weniger geschlossenen zu einer mehr oder weniger öffentlichen Angelegenheit werden. Insgesamt wird die Handelskammer an ihrer Symbolik arbeiten, was beim Fahrer des Hauptgeschäftsführer beginnen und bei der Nähe zum Rathaus enden könnte.

Bleibt die spannende Frage, wer sich angesichts der geschilderten Lage traut, neuer Präses zu werden. Das Amt war schon in der Vergangenheit schwer genug, ein Preis-Leistungs-Verhältnis gibt es dafür nicht. Der Präses arbeitet nicht nur viel, sondern vor allem ehrenamtlich. Daran wird sich auf keinen Fall etwas ändern.

"Sie wollen doch die Handelskammer abschaffen"