Meinung
Deutschstunde

Vielleicht hätte Gutenberg es einführen können

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

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Foto: Klaus Bodig / HA

Jetzt ist es jedoch zu spät für ein großes Eszett, obwohl es Schwierigkeiten mit Eigennamen in Großbuchstaben gibt

Alle Jahre wieder wiederholen sich die Ereignisse und finden je nach Nachrichtenlage Niederschlag auf den Zeitungsseiten. Im Herbst fallen die Blätter, im Winter fehlt der Schnee, im März wird der erste Storch gemeldet, und der Sommer ist gar keiner. Mit ähnlicher Regelmäßigkeit, da kann man noch so viel erklären und sich die Finger wundschreiben, entdeckt ein Leser im weltweiten Zeichensatz angeblich ein großes Eszett und zeigt diesen sensationellen Fund sogleich der Redaktion an. Man spürt als Empfänger geradezu, wie manchen Leuten ein Stein vom Herzen und auf die Tastatur gefallen ist: „Das deutsche Alphabet ist endlich komplett!“

Um das Fazit dieser Kolumne vorwegzunehmen, sei klar und deutlich gesagt: Ein großes Eszett ist weder im deutschen Alphabet noch in der deutschen Rechtschreibung vorhanden, und da das Eszett (ß) eine deutsche Errungenschaft ist, werden wir es auch in keinem fremden Alphabet finden. Alle deutschen Buchstaben bilden jeweils ein Pärchen aus klein und groß, nur das Eszett, das Zeichen für das scharfe S, bleibt immer klein. Man könnte meinen, es sei bescheiden und halte sich lieber im Hintergrund. Doch die Erklärung ist viel pragmatischer: Ein Eszett steht nie am Wortanfang und kann also auch nie großgeschrieben werden.

Eigentlich handelt es sich beim Eszett gar nicht um einen Buchstaben, sondern um zwei, nämlich – wie der Name schon sagt – um ein s und um ein z. Allerdings sahen die Buchstaben früher in der deutschen Druckschrift nicht so aus wie heute, sondern das s war ein Lang-s mit Ober- und Unterlänge und das z ein deutsches z mit Schleife und Unterlänge. Seit dem 14. Jahrhundert wurden die beiden Buchstaben ineinander verschlungen, das heißt, zusammen auf einer Drucktype gegossen. Wenn sich zwei Buchstaben auf einer Letter umarmen, spricht man in der Typografie von einer Ligatur. Die deutschen Frakturschriftarten („gebrochene“ Schriften, von lat. fractura „Bruch“) kannten noch mehr Ligaturen, etwa tz, ch und st. Da man eine Ligatur am Zeilenende nicht trennen konnte, es sei denn, man sägte die Letter durch, was recht mühsam gewesen wäre, entstand die damalige Regel: „Trenne nie st, denn es tut ihm weh.“ Das gilt seit der Rechtschreibreform nicht mehr, wie auch die Fraktur als Druck- und Schreibschrift am 2. Januar 1941 per Führerbefehl verboten wurde. Bis dahin benutzten übrigens nicht nur Nationalsozialisten die „deutschen“ Frakturschriften, sondern alle Parteien, Publikationen und Verlage, auch die linken.

Falls ein Wort durchgehend in Versalien(nur in Großbuchstaben) geschrieben wird, geraten wir bei einem Binnen-ß in Schwierigkeiten, weil es das Eszett nicht als Großbuchstaben gibt. Das amtliche Regelwerk (§ 25 E3) und der Duden (K 160) sehen für diesen Fall vor, das ß in SS aufzulösen. Die Unterscheidung MASZE (Maße) und MASSE (Masse) gibt es seit der Rechtschreibreform nicht mehr. Da bei dieser Konvertierung jedoch die Schreibweise einiger Eigennamen nicht deutlich wird, wenn wir bei ROLF GROSSE also nicht wissen, ob wir es mit Herrn Grosse oder Herrn Große zu tun haben, ist in diesem Fall ein ß zwischen den Versalien erlaubt. Es heißt also HEUSSSTRASSE, aber LITFAßSÄULE. Wenn Sie bei Stefan Kießling von Bayer Leverkusen etwa KIEßLING hinten auf dem Trikot lesen, ist das korrekt und kein Grund für einen Beschwerdebrief.

Die Internationale Organisation für Normung (ISO) hat 2008 in den internationale Zeichensätzen ISO-10646 und Unicode 5.1 den Platz für das Zeichen „Latin Capital Letter Sharp S“ reserviert, also für ein großes Eszett. Die entsprechende Meldung müssen sich damals erstaunlich viele Leute an den Küchenschrank geklebt haben. Die Position Unicode U+1E9E ist bei den gängigen Schriftarten jedoch frei, und wäre sie es nicht, könnte niemand ein großes Eszett vom kleinen ß oder vom großen B unterscheiden. Einen verbindlichen Schriftschnitt für alle Designer gibt es nicht. Ein großes Eszett ist also weder Mitglied des Alphabets noch Gegenstand der Rechtschreibung. Vielleicht hätte Gutenberg es einführen können. Jetzt ist es zu spät dafür.

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