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Diese EM ist viel besser als ihr Ruf

Der Autor ist Sport-Reporter beim Abendblatt

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Foto: HA / Andreas Laible

Noch nie sind so wenige Tore gefallen wie in Frankreich. Und trotzdem macht das Turnier Spaß

Die Vorrunde der größten – oder besser: umfangreichsten Europameisterschaft aller Zeiten ist vorbei und hat eine wenig überraschende Erkenntnis zutage gebracht: Mehr Mannschaften bedeuten keineswegs mehr Tore. In den bislang 36 absolvierten Vorrundenspielen erzielten die 24 Teams insgesamt 69 Treffer. 1,92 Tore pro Spiel – noch nie war eine Torquote bei einer Europameisterschaft so niedrig. Auf dem ersten Blick scheint das Zwischenfazit also eindeutig: Keine Tore, keine Höhepunkte, kein Spektakel – und dazu noch der seltsame Uefa-Modus, der selbst hochbegabte Stochastik-Experten des Fachbereichs Mathematik an der Universität Hamburg verzweifeln lassen dürfte.

Doch ein zweiter Blick lohnt. Und tatsächlich ist allzu lautes Wehklagen über diesen torarmen Kontinentalwettbewerb fehl am Platz. Denn Tore sind zwar noch immer das Salz in der Suppe, die sättigende Grundlage eines fußballerischen Leckerbissens sind sie nicht. Taktik, Technik und Tempo sind es, die uns begeistern. Oder eben nicht.

Über Tempo, Technik und Taktik bei dieser EM kann man jedenfalls nicht meckern. Und dieser oft dahingesagte Halbsatz gilt ja in Deutschland schon als größtmögliche Schmeichelei.

Tatsächlich darf man an dieser Stelle ein großes Kompliment vor allem den Fußballnationen aussprechen, die bis-lang noch keinen bleibenden Eindruck auf der Fußballlandkarte hinterlassen hatten. Wales? Marschierte durch die Vorrunde und erzielte als eines von zwei Teams mit sechs Toren die meisten. Ungarn? Blamierte Portugal ein wenig, blamierte Österreich sehr – und erzielte als anderes von zwei Teams mit sechs Toren die meisten. Es gab Überraschungen (Kroatien besiegte Spanien), Enttäuschungen (Russland und Schweden) und eine echte Sensation (Island).

2003 war es, als ein gewisser Rudi Völler nach einem erbärmlichen 0:0 gegen Island polterte: „Es gibt keine kleinen Gegner mehr.“ Das berühmte Zitat von damals war natürlich Blödsinn, 13 Jahre später muss man nun allerdings festhalten: Völler war seiner Zeit voraus.

Und mit Ausnahme der Nordiren, denen man aber aufgrund ihrer sing- und trinkfreudigen Anhänger den dritten Platz von Herzen gönnte, verließen sich alle anderen mutmaßlichen Außenseiter nicht nur auf Kampf, Einsatz und Mut. Auch Polens 0:0 gegen Deutschland war verdient, das taktische Geschick von Lewandowski und Co. beeindruckend. Dreierkette, Viererkette, hohes Pressen, zielorientierter Ballgewinn – alles gesehen, alles bewundert.

Wenn es stimmt, dass die großen Turniere immer eine Art Fußballmesse sind, dann kann die EM 2016 mit Fug und Recht von sich behaupten, einige interessante Prototypen auf den Markt gebracht zu haben. Und das gilt nicht nur für defensive Entwicklungen. Denn sehr wohl gab es auch offensiv einiges zu bestaunen: die Belgier, schon vor dem Turnier als nicht mehr so ganz geheimer Geheimfavorit eingeschätzt, zum Beispiel im zweiten Gruppenspiel gegen Irland. Spaniens neue, alte Stärke im Spiel gegen die Türkei. Und natürlich Frankreichs plötzlicher Star Dimitri Payet.

Und der neue Modus? Außer den Niederlanden darf ganz Europa mitspielen. Und außer den Österreichern dürfen auch noch so ziemlich alle Nationen ins Achtelfinale. Ergibt – mal abgesehen von den Niederlanden und Österreich – alles natürlich keinen Sinn. Und trotzdem muss man der Uefa zugutehalten, dass sie für Spannung gesorgt hat. Oder haben Sie etwa nicht am letzten Vorrundenspieltag die Partien geschaut? Als zwischenzeitlich auch Portugal ausgeschieden, Albanien Deutschlands Gruppengegner und Island kurz sogar Tabellenführer war.

So richtig los geht diese Europameisterschaft ohnehin erst jetzt. Spanien trifft auf Italien. Der neue und wirkliche Geheimfavorit Kroatien muss gegen Portugal ran. Und selbst England gegen Island dürfte es in sich haben. Letztendlich muss man der Uefa an diesem Donnerstag (an dem diese Zeilen geschrieben werden) und an diesem Freitag (an dem diese Zeilen veröffentlicht werden) nur einen Vorwurf machen: Wie konnte man ernsthaft zwei fußballfreie Tage im Turnierkalender mit aufnehmen? Schämt euch, Uefa!