Meinung
Kommentar

Wie Majestix auf dem Schild in den Kampf zog

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Auch ein "schmutziger" Wahlkampf sollte grammatisch korrekt sein. Etwas über die Rhetorik von Metaphern, Hyperbeln und Schlafliedern.

Am Wochenende ging eine Meldung durch das Land, und einige Medien übernahmen sie wortwörtlich: Die SPD wolle ihren Kanzlerkandidaten erst nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2017 "auf das Schild heben". Sigmar Gabriel, der Bundesvorsitzende der Sozialdemokraten, halte es für besser, einen kurzen, aber "schmutzigen" Wahlkampf für die Bundestagswahl im darauffolgenden Herbst zu führen.

Es muss an dieser Stelle nicht geklärt werden, ob ein schmutziger Wahlkampf (Gabriel dementierte diese Wortwahl) der letzte Schritt zur Selbstzerstörung einer Volkspartei sein wird, doch müssen wir mit aller Deutlichkeit sagen, dass hier eine äußerst schmutzige Grammatik vorliegt. Wenn die SPD unbedingt irgendwen irgendwo hinaufheben will, dann bitte auf den Schild und nicht auf das Schild! Merke: Das Schild kommt vom Maler, der Schild aber vom Ritter. Man kann das leicht unterscheiden, wenn man sich statt Gabriel den Häuptling Majestix aus dem bekannten gallischen Dorf vorstellt, wie er schwankend auf dem Schild von seinen Kriegern Cäsars Legionen entgegengetragen wird, sodass die Wähler, äh, Pardon!, die Römer vor Lachen jeden Widerstand aufgeben.

Eine Partei könnte einen Kanzlerkandidaten benennen, präsentieren oder auswählen, aber eine solche Formulierung klingt reichlich trocken. Also schickt man ihn "ins Rennen" oder hebt ihn, wie gesagt, "auf das bzw. den Schild". Hier liegt eine Übertragung oder ein Vergleich des wörtlich Gemeinten mit einem Bild vor. Eine solche Stilfigur nennt man eine Metapher (aus griech. metaphérein "anderswohin tragen, übertragen"). Wir können ein Problem lösen und so "die Kuh vom Eis holen", wir können inhaltslos reden und quasi "leeres Stroh dreschen" oder unangenehme Fragen stellen, wenn wir jemandem "auf den Zahn fühlen".

Die Steigerung der Metapher ist die Hyperbel, die eine sprachliche Übertreibung bezeichnet (von griech. hyperbállein "über ein Ziel hinauswerfen"), etwa "himmelhoch jauchzend" oder "ein Meer von Tränen". Auch das biblische Beispiel vom Splitter im Auge des Bruders und dem übersehenen Balken im eigenen Auge ist rhetorisch eine Hyperbel.

Ein Gleichnis in der Bibel darf übertreiben, wir sollten jedoch vorsichtig sein. Ich weiß nicht, ob wir immer genau wissen, was wir, wörtlich genommen, eigentlich sagen und singen. Wie häufig habe ich früher das von Johannes Brahms vertonte Schlaflied gehört: "Guten Abend, gut' Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck." Später fragte ich mich, was das bedeuten sollte. Warum wollte meine Mutter mich im Kinderbett mit Rosen beschenken? Ich mochte doch nicht auf Dornen und Blütenblättern schlafen! Ein Kuscheltier wäre mir lieber gewesen. Und mit Näglein besteckt? Sollte ich auf die Akupunktur vorbereitet oder zum Fakir ausgebildet werden? Hier schien sich ein Fall für das Jugendamt anzubahnen. Falls heute in Kita, Kindergarten und Familie noch Volks- und Schlaflieder gesungen werden, können die Kinder unmöglich deren Sinn verstehen. Der Text geht bis ins 15. Jahrhundert zurück und lautete damals: Got geb euch eine gute nacht, von rosen ein dach, von liligen ein pet, von feyal ein deck, von muschschat ein tuer, von negellein ein rigelien dar für (von Rosen ein Dach, von Lilien ein Bett, von Veilchen eine Decke, von Muskat eine Tür, von Nägelein ein Riegel davor).

"Bedacht" bedeutet also nicht "beschenkt", sondern "mit einem Dach", mit einer Art Betthimmel, versehen. Muskat ist ein Gewürz, und Näglein sind keine spitzen Eisenstifte, sondern Gewürznelken. Die Gewürze im Kinderbett sollten Ungeziefer wie Flöhe von dem Säugling fernhalten. Die Gewürznelke, die wir vom Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt her kennen, hat die Form eines Nagels. Eine Verkleinerungsbildung zu Nagel ist der Blumenname Nelke. Insofern dürfen wir aufatmen: Die Kleinen im Kinderbett werden nicht mit Metallstiften gequält.

Da wir gerade bei Blumennamen sind. Die Tulpe, die bei mir immer Assoziationen an Holland und Holzschuh hervorruft, ist die "Turbanblume" aus dem Vorderen Orient.

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