Meinung
Kommentar

Das Fremdwort ist ein rein deutsches Wort

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Dieser Begriff hat es nicht zu einem eigenen Terminus gebracht. Trotzdem stoßen wir auf Schwierigkeiten bei Grammatik und Rechtschreibung.

Jeder sprachliche Begriff, jede Wortart oder Stilfigur, um nur einige Beispiele zu nennen, besitzt ein Fachwort, das meist aus dem Griechischen oder Lateinischen stammt und den Terminus genau und präzise bezeichnet. Selbst in dieser Kolumne lassen sich Fachbezeichnungen nicht vermeiden, wenn ich mich auch bemühe, sie beim ersten Auftauchen im Artikel zu übersetzen. Es ist nicht gut möglich, jedes Mal etwa für Synonyme „Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung“ zu schreiben. In diesem Zusammenhang wird es erstaunen, dass es ausgerechnet für den Begriff Fremdwort kein Fremdwort gibt! Ein Fremdwort bleibt auf gut Deutsch ein Fremdwort und besitzt kein international hinterlegtes Fachwort der Sprachwissenschaft.

Vielleicht liegt das daran, dass man, wie vor einer Woche hier erörtert, in allen Ländern bemüht ist, die aus fremden Sprachen übernommenen Wörter schnell in die eigenen Muttersprachen zu integrieren. Deshalb wäre es müßig, zuerst mit einem Sammelbegriff fremdzugehen. Neben der bereits behandelten Pluralbildung (Babys) gleichen sich häufig gebrauchte Fremdwörter mit der Zeit auch der deutschen Orthografie (Rechtschreibung) an. Lange vor der Rechtschreibreform sind die griechischen Wortbestandteile „graph-“, „phon-“ und „phot-“ eingedeutscht worden. Wir buchstabieren nicht mehr „Photograph“ oder „Orthographie“ (wobei das aus dem Griechischen transkribierte „th“ stets Bestandsschutz hat), sondern Fotograf und Orthografie. Wer heute noch „Telephon“ oder „Mikrophon“ schreibt, schreibt wahrscheinlich in Sütterlin.

Die Rechtschreibreformer unternahmen 1996 den gut gemeinten Versuch, schwierigen Fremdwörtern ein deutsches Mäntelchen umzulegen. Dieser Versuch entpuppte sich als Rohrkrepierer. Der Proteststurm richtete sich weniger gegen die Schreibweise deutscher Wörter als gegen die Eindeutschung der Fremdwörter – die zum größten Teil an den Haaren herbeigezerrt war. Ich gehe einmal davon aus, dass Klein Fritzchen nicht in der Lage sein wird, das Wort Portemonnaie aus dem Kopf richtig zu schreiben. Das gilt jedoch auch für den Ersatzvorschlag „Portmonee“. Wenn Fritzchen jedoch ohnehin im Wörterbuch nachschlagen muss, kann er ja gleich beim Original bleiben. Im Aufsatz kam deshalb die gute, alte „Geldbörse“ zu neuen Ehren.

Die angeblichen Vereinfachungen „Frisör“ für Friseur, „Jogurt“ für Joghurt, „Panter“ für Panther, „Tunfisch“ für Thunfisch oder gar „Majonäse“ für Mayonnaise sind erlaubt, haben sich aber nicht durchgesetzt. An Wörtern wie Myrrhe, Katarrh oder Hämorrhoiden sollte man nicht herumdoktern, obwohl die Reformer es taten. In diesen Fällen hilft der Duden oder die Rechtschreibprüfung. Die griechischen Elemente bleiben erhalten, je mehr wissenschaftliches Gewicht das betreffende Wort besitzt. Kein Reformer wagte es, den Philosophen das doppelte „Ph“ oder den Therapeuten bzw. dem Thema das „Th“ zu nehmen. Während der banale Fotoapparat mit einem „F“ auskommen musste, blieb die Photovoltaik, obwohl auf vielen Dächern zu finden, zum „Ph“ aufgewertet. In einigen Fällen folgt die orthografische Integration der lautlichen Integration: frz. sauce zu Soße oder engl. cakes zu Keks. Die Wortbestandteile -tial und -tiell werden heute im Allgemeinen als -zial und -ziell geschrieben: differenzial (zu Differenz), essenziell (zu Essenz) oder Potenzial (zu Potenz).

Bei mehrgliedrigen fremdwörtlichen Ausdrücken müssen wir uns an den Wortarten orientieren. Der erste Bestandteil wird großgeschrieben, wenn es sich um ein Substantiv oder eine substantivierte Fügung handelt (Cordon bleu, Eau de Toilette), sonst klein (a cappella, de facto). Für den zweiten Bestandteil gilt ebenfalls die Orientierung an den – auch fremdsprachlichen – Wortarten: Corpus Delicti, Genus Verbi, aber Status quo.

Mehrteilige Fügungen werden zwingend durchgekoppelt und vorn großgeschrieben, falls das Bezugswort ein deutsches Wort ist: der A-cappella-Chor, die De-facto-Anerkennung, die Corned-Beef-Büchse. Ausschließlich fremdsprachliche Zusammensetzungen bleiben jedoch ungekoppelt: Eurovision Song Contest.

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