Meinung
Deutschstunde

Wenn sich die Abreise über zwei Seiten hinzieht

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Dann haben wir es wahrscheinlich mit der berüchtigten deutschen Satzklammer zu tun. Es gibt Verben, die spannen einen weiten Bogen.

Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Klammersatz und einer Satzklammer? Ein Klammersatz ist schlicht ein Satz, der in Klammern steht. Meistens enthält er eine Erklärung zu der Aussage im Satz davor. Der Schreiber spürt, dass ihm die Formulierung nicht verständlich genug gelungen ist, und schiebt eine weitere Erklärung nach, die er als „Untererklärung“ in runde Klammern setzt. Ab und zu traut er der Untererklärung immer noch nicht und fügt eine „Unter-Untererklärung“ hinzu, die zur typografischen Abgrenzung diesmal in eckigen Klammern steht. Solche Klammersätze sind häufig nichts anderes als das Zeichen stilistischer Ausdrucksschwäche (prophylaktische Klammer: Womit ich niemandem zu nahe treten will; besser ein paar Klammern mehr als gar kein Versuch!). Eine Satzklammer hingegen ist die Geißel der deutschen Sprache, jedenfalls für Ausländer.

Ich beschäftigte mich vor einiger Zeit an dieser Stelle mit dem amerikanischen Schriftsteller Mark Twain (1835–1910), der 1878 in Hamburg voller Tatendrang das Schiff aus Übersee verließ, um Deutschland und die deutsche Sprache kennenzulernen. Deutschland liebte er, kehrte 1891 zurück und lebte viele Jahre in Berlin und Wien, doch über die deutsche Sprache spottete er – bissig, treffend, aber nicht ohne Humor. Der Übersetzung seines Essays „The Awful German Language“ verdanken wir die Einschätzung der „schrecklichen deutschen Sprache“. Neben den Komposita (Donaudampfschifffahrtskapitän) und der Deklination der Adjektive (rote Rosen, die roten Rosen, viele rote Rosen) spießte Twain vor allem die Satzklammer auf.

Im Deutschen gibt es Verben, die sind „fest“. Deren Bestandteile bleiben untrennbar zusammen, da kann man konjugieren, wie man will (zum Beispiel bergsteigen). Daneben kennen wir Verben, die zerfallen beim Konjugieren in zwei Teile, wobei diese Teile auch noch die Reihenfolge tauschen wie verschobene Dominosteine und entfernt voneinander wieder auftauchen (etwa eislaufen). Wenn ich im Winter nach Oberstdorf fahre, laufe ich eis eislaufen ist ein unfestes Verb und verfügt über die Fähigkeit zur Wortspaltung oder, wie die Fachleute sagen, zur Distanzkomposition. Demnach „steige“ ich im Sommer also „berg“? Mitnichten! Das Verb bergsteigen ist in sich fest gebunden. Deshalb benötige ich für meine Kraxelei auf das Nebelhorn ein Modalverb: Im Sommer will ich bergsteigen.

Neben den meisten zusammengesetzten Verben sind auch Präfixverben wie ab|reisen unfest und somit distanzfähig, wobei die Distanz maximal ausgedehnt werden kann. Dann haben wir es mit der erwähnten berüchtigten deutschen Satzklammer zu tun. In der Mitte der einen Seite beginnt die Schwiegermutter ihre Abreise mit dem Wortteil reist, dann folgt eine Kaskade von adverbialen Bestimmungen des Ortes, der Zeit und der Art und Weise, unterbrochen von Nebensätzen und Appositionen, wir müssen umblättern, die Spannung steigt ins Unerträgliche, bis wir auf der Mitte der zweiten Seite endlich das Präfix ab finden und aufatmen können. Uff! Geschafft! Mark Twain verliert die Orientierung, aber manche Schriftsteller spannen die Satzklammern so geschickt, dass ganze Romane entstehen, die sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden. Allerdings benötigten die Leser ein gutes Kurzzeitgedächtnis, um am Ende der Konstruktion nicht vergessen zu haben, ob sich die Handlung gerade in Lübeck oder in München abspielt.

Die verbale Klammer ist das hervorstechende Kennzeichen der deutschen Syntax (Satzbau). Es gibt auch eine nominale Klammer, die sich ebenfalls weit öffnen kann. Hierbei bildet der Artikel mit dem Substantiv die Klammer, deren Zwischenraum mit Attributen aufgefüllt wird: der Hund – der kleine Hund – der kleine, freche Hund – der kleine, freche, aber doch recht liebe Hund usw. Quantitative Grenzen sind der nominalen Klammer nicht gesetzt. Aber man sollte es nicht übertreiben. Die Satzklammer gehört zum Reichtum der deutschen Sprache, kann aber leicht zu ihrer Überfütterung führen. Wie sagte doch Altmeister Wolf Schneider? Macht mal einen Punkt! Schreibt kurze Sätze!

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