Meinung
Deutschstunde

Ein Fürwort ist ein Wort für ein Wort

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Heute sagen wir besser Pronomen dazu. Diese kommen zahlreich wie eine Sippe daher. Wann steht „das“, wann „was“?

Ein Fürwort heißt Fürwort, weil es für ein anderes Wort steht. Es kann ein anderes Wort im Satz ersetzen. Es muss nicht, aber es kann. In der Aussage Hans spielt Klavier ist klar, dass sich Hans oder Hänschen gerade mit dem „Fröhlichen Landmann“ abplagt. Wenn wir jedoch vorher im Kontext erwähnt haben, welcher Junge die Tasten quält, könnte der erneute Name „Hans“ eine unschöne Wiederholung sein. Also schreiben wir: Er spielt Klavier. Das Fürwort „er“ steht für „Hans“, ohne dass der Satzsinn sich geändert hat.

Die Älteren werden wegen der deutschen Bezeichnung „Fürwort“ vielleicht dankbar sein, während die Jüngeren, falls die sich überhaupt eine Sprachkolumne zu Gemüte führen, erstaunt die Augen reiben. In der Sprachwissenschaft, aber auch in der Schule und sogar in der Grundschule werden die lateinischen Fachbegriffe verwendet, und das Für-Wort (Fürwort) heißt dann Pro-Nomen (Pronomen) – aus lat. pro (für) und Nomen. Was aber ist ein Nomen? Die achtjährige Nachbars- tochter erklärte ihrer Mutter so laut, dass ich mithören konnte: „Ich muss alle Nomen rausschreiben!“ Ich nehme an, dass sie in einem kindgerechten Text alle Hauptwörter erkennen sollte. Hauptwörter nannten wir bisherSubstantive, aber diese Bezeichnung befindet sich auf dem Rückzug. In den Schulbüchern wird der Fachbegriff „Substantiv“ heutzutage durch das „Nomen“ verdrängt.

Das ist nicht korrekt. Ein Nomen ist mehr als ein Substantiv. Ein Nomen umfasst alle Wortarten, die Kasusendungen (Kasus: Fall) bilden, also dekliniert (gebeugt) werden können. Dazu gehören zusätzlich zu den Substantiven die Adjektive (Eigenschaftswörter), Zahlwörter (Numeralien), Artikel (Geschlechtswörter) und auch die Pronomen. Im Plural (Mehrzahl) sprechen wir von die Nomen und die Pronomen. Die Plurale „Nomina“ und „Pronomina“ sind veraltet.

Von den Pronomen gibt es gleich eine ganze Familie, die so zahlreich ist, dass wir schon von einer Sippe sprechen könnten. Zu den Pronomen gehören Personalpronomen (persönliche – ich, du, er, sie, es, wir, ihr), Possessivpronomen (besitzanzeigende – mein, dein, sein), Demonstrativpronomen (hinweisende – dieser, jener), Indefinitpronomen (unbestimmte – alle, einige, manche, etwas, jemand, man), Negationspronomen (verneinende – kein, niemand, nichts), Interrogativpronomen (fragestellende – wer, was, welcher), Relativpronomen (bezügliche – der, die, das) und das Reflexivpronomen (rückbezügliches) sich.

Die Relativpronomen stellen eine Verbindung her zwischen einem übergeordneten Satz, in dem das Nomen steht, und einem Nebensatz (einem Relativsatz), der eine zusätzliche Information zum Nomen liefert: Das Kind, das Hunger hat, heult. Hier treffen wir auf einen der häufigsten Fehler in der deutschen Schriftsprache. Das „das“ ist in diesem Satz ein Relativpronomen und schreibt sich mit Einfach-s. Hieße es jedoch: Das Kind hat solchen Hunger, dass es heult, so hätten wir eine Konjunktion (Bindewort) vor uns, und die schreibt sich mit Doppel-s. Es gibt eine Eselsbrücke: Wenn wir „welches“ für „das“ einsetzen können, haben wir es mit einem Relativpronomen zu tun und sollten uns mit einem-s begnügen: Das Kind, welches (das) Hunger hat, heult. Übrigens mussten wir auch vor der Rechtschreibreform die Schreibweise gemäß der Wortart anpassen (das, daß). Es gibt zudem das Relativpronomen was. Wann heißt es nun „das“ und wann „was“? Wenn man sich auf ein neutrales Nomen zurückbeziehen möchte, ist das die erste Wahl: das Haus, das uns gefällt. Etwas anders verhält es sich bei Substantivierungen. Geht es um etwas Einmaliges oder ganz Bestimmtes, steht das: das Nette, das sie zu mir gesagt hat. Bei unbestimmten Aussagen steht jedoch was: das Unglaubliche, was geleistet wurde. Das Gleiche gilt bei substantivierten Superlativen (höchste Steigerungsstufe): das Schönste, was mir je passiert ist. Wird auf den Inhalt eines ganzen Satzes Bezug genommen, ist was gefragt: Er starrte mich an, was mich irritierte.

Ich bitte um Verständnis, dass ich in Zukunft häufiger auf die deutsche Übersetzung verzichten werde, was nach der 217. Folge erlaubt sein sollte.

E-Mail: deutschstunde@t-online.de