Meinung
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Wi fohrt all mol röver, de enen so, de annern so

Im Michel hieß es Abschied nehmen vom Weltbürger Helmut Schmidt, aber auch von jemandem, der seine Heimat Hamburg liebte

Mir ist heute nicht nach Grammatik zumute. Ich stehe unter dem Eindruck der Trauerfeier für Helmut Schmidt in der St.-Michaelis-Kirche, sodass mein Gefühl vom Abschied bestimmt wird. Als einfacher Bürger nehme ich nicht nur Abschied von einem großen Deutschen, sondern auch Abschied von der Nachkriegszeit, in der ich aufgewachsen bin und die mich geprägt hat. Mit 74 Jahren muss ich feststellen, dass alle Vorbilder, an denen ich mich orientiert habe, nach und nach gegangen sind, sodass ich allein dastehe und es Zeit ist, weniger in die Zukunft zu blicken als die Vergangenheit aufzuarbeiten.

In dieser Gemütslage kamen mir die Tränen, als der Liedersammler und Entertainer Jochen Wiegandt während des Gottesdienstes im Michel das plattdeutsche Abschiedslied „Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann“ sang. Helmut Schmidt war nicht nur Weltbürger, er war auch Hamburger, Barmbeker, Langenhorner sowie Wochenendbesucher am Brahmsee, und zur Heimatbezogenheit gehört vor allem die plattdeutsche Sprache. Auch in meiner Familie war es üblich, wie von allein das Hochdeutsche zu verlassen und ins Plattdeutsche zu wechseln, wenn es um Tod und die letzten Dinge ging. Hein Klapperbeen verschont niemanden.

In den Versen „Min Jehann“ erinnert sich Klaus Groth (1819–1899) an seinen Bruder Johann, mit dem er als Kind „an Nawers Soot“ (an Nachbars Brunnen) gesessen und still dem Mond zugeschaut hat. Das ist vorbei, nur die Erinnerung kehrt immer wieder zurück „as domols bi de Soot“: „Denn dreih ik mi so hasti üm,/As weer ik nich alleen:/ Doch allens, wat ik finn, Jehann,/Dat is – ik stah un ween.“

Klaus Groth schrieb das Gedicht im Jahre 1851 und damit noch zu Lebzeiten seines Bruders. Es stammt aus der Sammlung „Quickborn“ (Jungbrunnen), mit der Groth der niederdeutschen Sprache, die seit der Reformation zur Umgangssprache der unteren Schichten abgerutscht war, wieder literarischen Rang verlieh. Wenn Sie heute auf den Namen Quickborn bei Vereinigungen, Verlagen, Schulen, Straßen oder in Kiel sogar bei einer Klinik stoßen, signalisiert er die Verbundenheit zur Heimat und Heimatsprache.

Ein weiteres Lied aus der Heimat wurde auf Schmidts Wunsch im Gottesdienst gesungen, das „Abendlied“ von Matthias Claudius („Der Mond ist aufgegangen“), das wie kaum ein anderes in klarer und einfacher Sprache die Verbindung zwischen Mensch, Natur und Ewigkeit knüpft. Matthias Claudius wurde 1740 als Pastorensohn in Reinfeld geboren. Ich habe dort häufig auf der Anhöhe über dem Herrenteich gestanden und mir vorgestellt, wie der Dichter den Blick hinab aufgenommen und gefühlt haben wird: „Der Wald steht schwarz und schweiget,/Und aus den Wiesen steiget/Der weiße Nebel wunderbar.“ Claudius redigierte während seines nicht besonders erfolgreichen Lebens zeitweise den „Wands­becker Bothen“ und starb am 21. Januar 1815 am Jungfernstieg im Haus seines Schwiegersohns, des Verlegers Friedrich Christoph Perthes.

Hamburg hat eine lange Tradition als Stadt der heimatlichen Verse und Lieder, vor allem in Form der Couplets (siehe Seite 16). Nicht so bekannt wie Claudius, aber weitaus produktiver als Texter war Walter Rothenburg (1889–1975), der auch als Boxpromoter, Seemann, Astrologe und Verleger hervortrat. Als Veranstalter für Max Schmeling brachte er in Lokstedt die nie wieder bei einem Boxkampf erreichte Zuschauerzahl von 100.000 zusammen und ließ 1935 innerhalb von vier Wochen eine Holzlagerhalle zur größten Sporthalle der Welt umbauen (Hanseatenhalle). Quasi nebenbei schrieb er Welterfolge wie „Junge, komm bald wieder“ oder „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, aber auch Hamburgisches wie „An de Eck vun de Steenstraat steiht ’n Oolsch mit Stint“ oder „An der Alster, an de Elbe, an der Bill“ sowie für Volkssänger Charly Wittong (1876–1943) das Lied vom „Hamborger Fährjung“: „Fohr mi mol röver“ – rüber über die Elbe, aber auch rüber über den Strom des Lebens zur letzten Ruhestätte. Als Wittong in Ohlsdorf beerdigt wurde, rief Rothenburg ihm am Grab nach: „Charly, wi fohrt all mal röver, de enen so, de annern so. Nu büst du vörut fohrt. Gode Reis!“

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