Meinung
So gesehen

Talk über Flüchtlinge: Komplexe Stimmungen

Es fällt schwer, im Angesicht von menschenverachtenden Taten eine humanitäre Haltung zu bewahren.

Normalerweise versuche ich, mich von Talkshows fernzuhalten. Denn meistens bekomme ich schlechte Laune von den gefühlt stets gleichen Nasen, die gefühlt stets das Gleiche sagen und sich mit Vorliebe gegenseitig ins Wort fallen. Trotzdem bin ich am Donnerstag bei der ersten Ausgabe von „maybrit illner“ nach der Sommerpause gelandet.

Es ging um den „Fluchtpunkt Deutschland – zwischen Hilfe und rechter Gewalt“, und die Sendung war schon deswegen interessant, weil es auch um Begriffe und ihre Wirkung ging. André Schulz, der Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter zum Beispiel sagte den Satz: „Wer ein Asylbewerberheim ansteckt, der ist ein Terrorist.“ Und auch der Journalist Sascha Lobo sprach von einem neuen, einem „völkischen Terrorismus“.

Die Komplexität des Themas, wie man in Deutschland mit Flüchtlingen umgeht und umgehen will, blieb trotzdem nicht auf der Strecke: Es berührt EU-Recht und Einsparungen bei der Polizei genau wie den Umgang mit den Gründen für die enormen Flüchtlingszahlen und den Umgang der deutschen Politik mit diesen. Leider ist es ebendiese Komplexität, die einige ausnutzen, um Stimmung zu machen: Nach einem Einspieler von CSU-Äußerungen zum Umgang mit Asylbewerbern – in dem Flüchtlinge pauschal als „Sozialtouristen“ abgeurteilt werden und in dem auch der Satz von Horst Seehofer nicht fehlte, Deutschland könne nicht „das Sozialamt für die ganze Welt“ sein – fragte die Moderatorin Joachim Herrmann, den bayerischen CSU-Innenminister: „Wer solche Sätze sagt, tut der etwas gegen Rechtsextremismus?“ Eine plausible Antwort blieb Herrmann schuldig.

Wie sehr rhetorische Verkürzungen schmerzen können, bewies Lobo dem CSU-Politiker: Wenn man die Flüchtlinge künftig Vertriebene nennen würde, dann fiele es der CSU doch sicher leichter, sie hier willkommen zu heißen, oder? Die Reaktion des bayerischen Innenminister kam prompt: Das sei „eine Beleidigung“ für alle, die vor 70 Jahren „tatsächlich vertrieben“ worden seien.

Wenige Stunden nach dem Ende von „maybrit illner“ brannte in Deutschland erneut eine Unterkunft von Asylbewerbern. Nicht in Sachsen, sondern in Niedersachsen. Keine, die erst bezogen werden soll, sondern eine, in der bereits Menschen leben. Ines Kummer aus Freital, die einen Jungen aus Ghana bei sich aufgenommen hat, hatte in der Talkshow festgestellt: „Vielen fehlt einfach die humanitäre Haltung.“ Im Angesicht von derart menschenverachtenden Taten fällt es mir zunehmend schwer, mir die meine zu bewahren, wenn es um rechten Terror geht.