Meinung
Mamas und Papas

Das ist aber ein besonders hübsches Baby!

Autorin Sandra Garbers

Autorin Sandra Garbers

Foto: Reto Klar

Ein kleiner Leitfaden für den Fall, dass Sie jungen Eltern begegnen. Was Sie unbedingt sagen müssen – und nie, nie, nie sagen dürfen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es jede Menge frischer Babys. Sie gucken noch ein bisschen wie Aliens in die neue Welt mit diesen babyblanken Augen, und ihre kleinen Ärmchen rudern ins Nichts.

Und dann diese Geräusche. Ich meine nicht das Schreien und Pupsen. Ich meine das Schmatzen, diese rührenden Atemgeräusche beim Trinken. Neugeborene Babys sind toll, in einigen Wochen werden sie sogar auch hübsch sein. Aber so sagt man das den Eltern natürlich nicht. Paragraf eins des Gesetzes zum Angucken von Babys lautet: Egal, was vor dir liegt, sage den einen Satz: „Das ist aber ein besonders hübsches Baby.“

Die Eltern werden es glauben, ein Überschwall von Hormonen sorgt dafür, dass auch sie denken: „Sonst finde ich Neugeborene ja nicht immer so hübsch. Aber unseres ist wirklich, wirklich bildschön.“ Paragraf zwei des Gesetzes zum Angucken von Babys ist folgender: Sage niemals „Und jetzt genießt bloß die Zeit, es geht so schnell vorbei.“ Das ist wie: Weihnachten gibt es dieses Mal, aber nicht so viele Geschenke. Wie: Jetzt ist alles toll und leicht und bezaubernd, aber bald schließt er/sie sich in ihrem Zimmer ein und sagt: Du bist die blödeste Mutter der ganzen Welt.

Es dämpft die Euphorie, es nimmt ihr die Luft. Baby-Eltern wollen natürlich nicht ungefragt die guten Tipps der Kleinkind-Eltern hören. Noch weniger als die guten Tipps der Schwiegermütter. Diese ganzen Erfahrungen und Naturgesetze gelten für sie eh nicht, weil ihr Baby nicht nur besonders hübsch, sondern auch besonders einzigartig ist. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern.

Paragraf eins kriege ich mittlerweile locker hin, nur bei Paragraf zwei muss ich immer die Zähne zusammenbeißen. Ich muss sie doch warnen. Ich kenne Eltern, die haben sich nur einmal kurz umgedreht, und schon hatte das Kind Abitur gemacht. Man kann es gar nicht oft genug sagen: Sie werden viel zu schnell groß, sie werden viel zu schnell groß, sie werden viel zu schnell groß!

Die Tochter ist in der vergangenen Woche fünf geworden. Fünf! Sie macht ihre Tür zu, wenn sie mit ihren Freundinnen spielt, und öffnet sie nur für Eis oder Süßigkeiten oder wenn die CD hakt. Und wenn sie mich doch mal ins Zimmer lässt, nähere ich mich ihr nur noch mit einem Smartphone, um heimlich die Antworten auf ihre vielen Fragen zu googlen: Warum dreht die Erde sich um sich selber ohne Motor? Warum sieht man am Tag die Sterne nicht? Wozu brauchen wir Beine, wir könnten doch auch mit den Armen und einem Stock gehen? Warum bekommen nur bei den Seepferdchen die Männer Kinder? Wie funktioniert Wechselstrom? Wie trinken Schmetterlinge? Warum kann die Jesus-Christus-Echse übers Wasser laufen? (Die Was-Echse?) Wieso leuchtet die Sonne und die Erde nicht? Und vor allem: Warum dürfen Kinder nicht komplett über sich selbst bestimmen?

Vor Kurzem hat sie die erste Prüfung ihres Lebens absolviert: das Seepferdchen. Ich war aufgeregter als sie, was nicht schwer war, weil sie kein bisschen aufgeregt war. Sie schwamm ihre Bahn, und dann musste sie aus brusttiefem Wasser einen Ring hochholen. Hinterher meinte sie großspurig: „Ich dachte, ich müsste auch tauchen. Das war ja Baby. Kann ich jetzt das Bronzene Abzeichen machen?“ Wenn wir abends im Garten zusammen grillen, fragt sie: „Lamm????? Ihr esst ein süßes kleines Lämmchen? Wer hat das getötet? Bestimmt Tierquäler.“ Okay, notiere: Weniger Shaun das Schaf für das Kind. Sie klettert auf Bäume und ruft: „Mach dir keine Sorgen, das ist überhaupt nicht gefährlich.“ Sie übt Inlineskaten und Reiten. Und ich übe ruhigzubleiben und loszulassen.

Wenn sie dann doch einmal fällt, ist es zwar blöd, aber gemeinerweise irgendwie auch ganz schön. Dann habe ich sie wieder im Arm, dann ist sie plötzlich wieder ganz klein. Und meins. Das genieße ich. Sie werden nämlich viel zu schnell groß.