Meinung
Jungs Zeitgeist

Kriegsende: Der unglaubliche Sommer 1945

Sofort nach Kriegsende fand Hamburg ins Leben zurück. Die Ampeln sprangen an, der Dom öffnete, und ein kleiner Junge entdeckte einen Grashüpfer.

Es klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte, aber zu den ersten Maßnahmen der britischen Militärregierung in Hamburg im Mai 1945 gehörte, dass die Verkehrsampeln wieder angeschaltet wurden.

Man kann es sich heute schwer vorstellen. Bei den Bombenangriffen waren in der Stadt mehr als 41.000 Menschen getötet worden, von 563.533 Wohnungen waren nur 114.757 unbeschädigt geblieben, ganze Stadtteile östlich der Alster lagen in Schutt und Asche, der Hafen war ein Schiffsfriedhof. Ein Weltkrieg ging zu Ende – aber die Ampeln funktionierten wieder.

Die ersten Tage, der erste Sommer nach dem Krieg sind vielen Hamburgern als eine erleichternde, aber auch irgendwie absurde Zeit in Erinnerung geblieben. Am 3. Mai hatte Gauleiter Karl Kaufmann die Hansestadt den Briten kampflos übergeben. „Als die Engländer einmarschierten, durften wir drei Tage nicht vor die Tür, weil es hieß: Da werdet ihr sofort erschossen“, erinnert sich der Zeitzeuge Egon Effner, damals sechs Jahre alt. Was würde er machen, der Feind? Dasselbe fragten sich die Briten auch. Auf der Hammer Landstraße schwenkten ihre einrückenden Panzer ihre Geschützrohre drohend nach rechts und links. In Volksdorf hingegen marschierte hinter einem Panzerspähwagen eine schottische Militärkapelle mit Dudelsäcken.

Das britische Außenministerium hatte seinen Soldaten ein kleines rotes Büchlein nach Nazi-Germany mitgegeben, das viele auch nach Hamburg mitbrachten: Die „Instructions for British Servicemen“ sollten auf Distanz zu den Deutschen einschwören. Die seien militaristisch, uniformverliebt, sentimental und gefühlskalt, heißt es da. Aber auf die grauenhaften Anblicke, die sich ihnen am 15. April bei der Einnahme des KZ Bergen-Belsen boten, waren die Briten nicht gefasst. Wie sollte man drei Wochen später in Hamburg „mit den Deutschen streng, aber fair sein“? Es galt absolutes Fraternisierungsverbot.

Gab es im Sommer 1945 eine Art „Lebensgefühl“ in Hamburg? Diese Frage stellte sich nicht. Verlust, Hoffnung, Angst, Hunger, Depression – viele bringt die Erinnerung heute noch zum Weinen. Niemand saß in Cafés herum. Läden, Schulen, Apotheken, Behörden – alles geschlossen, nur die Bordelle auf dem Kiez nicht. Ab Dunkelheit herrschte Ausgangssperre. Fahrzeuge waren beschlagnahmt, Benzin streng rationiert, selbst für ein Fahrrad brauchte man einen Erlaubnisschein.

Tagsüber schoben sich endlose Menschenschlangen durch die Stadt auf der Suche nach irgendetwas – einer Unterkunft, Essensausgabestellen, der Wohnraumverwaltung, Entnazifizierungsausschüssen, dem Suchdienst des Roten Kreuzes. Oder dem Schwarzmarkt. Auf dem Goldbekplatz oder in der nur 621 Meter langen Talstraße auf St. Pauli drängten sich Tausende, die murmelnd Schuhe, Papier, Töpfe, Brot, Brillen, Petroleum, Medikamente oder Bezugsscheine feilboten, sogar „Persilscheine“ der Entnazifizierung. Gegen „Chesterfield“ oder „Lucky Strike“ gab es hier alles. „Wir waren eigentlich den ganzen Tag mit Rechnen beschäftigt“, sagt Zeitzeuge Walter Huth.

Irgendwann in diesem Sommer 1945 begann ein Aufatmen, ganz unmerklich und unerklärlich. Ab dem 12. Juni wurde britischen Soldaten erlaubt, mit Hamburger Kindern zu sprechen. Ein Jahr später hatten bereits 3633 Soldaten Heiratsanträge an deutsche Mädchen gestellt. Das grenzt an ein kleines Wunder. In dieser riesigen Trümmerwüste, in der Witwen, Waisen, Flüchtlinge, Kriegsgefangene und „Displaced Persons“ ums Weiterleben kämpften, sendete der britische BFN ab Juli 1945 aus der Musikhalle Jazz und Swing, moderiert von dem 18-jährigen Chris Howland. Für viele unfassbar, eröffnete am Dammtor der erste Dom mit Karussells, Drehorgel und sogar einer Achterbahn. Und im August vor 70 Jahren öffneten wieder die Schulen.

Walter Huth, damals elf, kam am ersten Schultag zu spät in seine Klasse. Nicht weil ihn Ampeln oder Briten aufgehalten hätten: Er hatte in einer Ruine einen Grashüpfer gefunden. „Ich hatte meine Kindheit ja in Luftschutzkellern verbracht“, sagt er. „Der Grashüpfer war für mich der erste Beweis: Jetzt ist der Krieg wirklich vorbei.“