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Die hässlichen Außerirdischen

Irene Jung

Irene Jung

Foto: Andreas Laible / HA

Der Blick auf mögliche andere Lebewesen hält uns den Spiegel vor: Die Menschen auf der Erde sind auch nicht viel besser.

Kürzlich sah ich wieder mal „Independence Day“ und dachte: Roland Emmerich hat eigentlich schon lange nicht mehr die Welt zerlegt. Er gehört zuverlässig zu einer Handvoll Regisseuren, die sich über die Zukunft der Erde und unserer Zivilisation den Kopf zerbrechen und verschiedenste Katastrophenszenarien ausmalen – mit allem, was die digitale Post-Production so hergibt. Mal spielt das Klima verrückt, mal Kontinentalplatten oder Asteroiden, mal kriegen wir Besuch von Aliens.

Dass wir nicht allein im Weltraum sind, vermuteten Astronomen wie Giordano Bruno oder Christiaan Huygens schon vor 400 Jahren. Heute wird die Existenz weiterer Lebensformen im All nicht mehr bezweifelt, Außerirdische sind eine Art moderner Mythos geworden, so wie es die Hexen im 16. Jahrhundert waren. Man weiß nicht wirklich, was sie können und wie sie aussehen und vor allem: was sie vorhaben. Umso lustvoller wird in den Filmstudios spekuliert.

Dabei kommen oft unglaublich unsympathische Wesen heraus, die man gar nicht kennenlernen möchte. Das begann schon in den 1960ern mit den „Frogs“ in „Raumpatrouille Orion“: schillernde, immerhin humanoid aussehende Silhouetten, die Menschen mit Hilfe von „Telenosestrahlen“ umprogrammieren wollten. Seit dem Auftakt der „Alien“-Reihe vor 36 Jahren muss sich Sigourney Weaver mit Kreaturen abquälen, die einem ins Gesicht springen oder aus dem Brustkorb ragen und die im Menschen nur ein Wirtstier sehen. Man fragt sich immer, welche Art von Evolution Schädel wie überlange Designer-Fahrradhelme mit Tyrannosaurus-Gebissen hervorbringen könnte, die trotzdem ständig zu störender Speichelbildung neigen.

Inzwischen treten diese Aliens gegen „Predator“-Formen an, die Hornschuppen, Rastafrisuren und Aufklappmäuler herumtragen, so als könnte sich die DNA nicht entscheiden zwischen Gliederfüßer und Karibik. Immerhin muss man seit „Independence Day“ (1996), „Krieg der Welten“ (2005) und „Edge of Tomorrow“ (2014) davon ausgehen, dass auch Außerirdische das Prinzip von Schraubverschlüssen, Computertastaturen und Laserkanonen begriffen haben. Nur ihr Immunsystem ist offenbar so empfindlich wie rechtsdrehende Milchsäure.

Viele SciFi-Filme sind nur noch gigantische Material- und Maschinenschlachten. In der Alien-Typenvielfalt waren die „Star Wars“-Folgen der 1970er schon viel weiter. Vor allem schufen sie den intergalaktischen Sympathen Nummer eins, den man problemlos zu UN-Vollversammlungen oder Kindergeburtstagen einladen würde: Meister Yoda („Der letzte der Jedi wirst du sein“). Zu den wenigen friedlichen Außerirdischen, die weder Landwirte im US-Mittelwesten entführen noch Großstädte schreddern, gehört auch ET (1983), der ja bloß in Ruhe telefonieren wollte – das rührt jeden. „Men in Black“ spielt mit der Idee, dass Außerirdische im Grunde sind wie wir – singen schmutzige Lieder, halten sich nicht an Verkehrsregeln und verteilen unsere Post. Wenn es nach der Parodie „Mars Attacks“ ginge, sind wir esoterisch naiv und politisch zu blind, um aggressiven Marsianern standzuhalten – bloß ein alberner Country-Song würde die Welt zufällig retten.

Das wäre nicht gut. Seit Jahrzehnten senden wir per Radiowellen Botschaften ins All. Aber was tun, wenn tatsächlich mal Antwort kommt – oder gar ein echtes Raumschiff? Der Physiker Harald Lesch hält das für „eins der größten und wichtigsten Themen“. Denn: Die nächstgelegenen erdähnlichen Sterne sind Hunderte Lichtjahre entfernt. Interstellare Raumfahrt ist derart technologie- und ressourcenaufwendig, dass sie eigentlich nur Sinn macht, wenn ein neuer Lebensort gefunden werden muss. Warum also fliegt jemand von zu Hause weg? Aus Forscherdrang oder Raublust?

Alien-Fantasien sind wie ein Blick in einen Spiegel: Wir selber als Spezies Mensch sind es ja, die irgendwann vielleicht diesen Planeten verlassen und einen neuen suchen müssen. Einen, den möglicherweise jemand bewohnt, der genauso gefährlich ist wie wir. Wer wird wem überlegen sein? Wie schafft man eine friedliche Koexistenz oder gar gemeinsame Kultur? Das müssten wir ja erst mal auf der Erde hinkriegen.