Meinung
Deutschstunde

Sind wir nun erschreckt oder erschrocken?

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Bekommen Sie jetzt bitte keinen Schreck: Manche Verben können sowohl stark als auch schwach gebeugt werden

Ich deutete bereits an, dass ein Autor am Fuß einer Zeitungsseite manchmal publizistische Erfolge erzielt, mit denen er gar nicht gerechnet hatte, als er das Gewinke und „Gewunke“ beim Besuch der Queen in Berlin aufspießte. Die Leserinnen und Leser schickten mit sichtlichem Vergnügen Fundstellen aus Presse und Fernsehen, die Stoff für meine Kolumnen bis hinein in die Adventszeit geboten hätten. Darunter waren so schöne Fehlleistungen wie „Der Politikbetrieb hat ihn nicht abgeschrocken“, doch irgendwann sollte diese Sammlung durchgewinkt sein.

Allerdings stellt sich die Frage, ob wir über derartige grammatische Darbietungen nun erschreckt oder erschrocken sind. Nachdem Sie Ihren ersten Schreck (nicht: Schrecken) wegen dieses Beispiels überwunden haben, sollten Sie eine Entscheidung treffen. Die ist jedoch nicht so einfach. Das Verb erschrecken kann nämlich sowohl stark als auch schwach gebeugt werden, wobei man genau differenzieren muss. Es ist nicht erlaubt, diese unterschiedlichen Formen nach Lust oder Unkenntnis einfach zusammenzurühren. Das transitive erschrecken (also das zwingend auf ein Akkusativobjekt zielende Verb) wird ausschließlich schwach flektiert: Sein lauter Schrei erschreckte alle Zuschauer. Er hat also mit seinem Schrei das Publikum furchtbar erschreckt.

Das intransitive (nicht zielende) Verb ohne Akkusativobjekt wird hingegen stark konjugiert: Der Dirigent erschrak bei dem Schrei des Sängers. Man sah es ihm an, der gute Mann war verständlicherweise erschrocken. Bei Zusammensetzungen wie hoch- oder zurückschrecken sind neben starken Formen hin und wieder auch schwache zu finden: Sie schrak aus dem Sessel hoch. Bei seinem Anblick schreckte sie zurück. Bei den starken Formen tritt ein e/i-Wechsel ein (ich erschrecke, du erschrickst), der sich zudem auf den Imperativ (die Befehlsform) auswirkt, jedoch nur beim starken Verb. Wir müssen also unterscheiden zwischen: Erschrick nicht!, aber: Erschrecke ihn nicht! Der reflexive (rückbezügliche) Gebrauch von erschrecken gilt übrigens als nicht hochsprachlich, sondern als umgangssprachlich (Sie wissen schon: ugs.). Insofern ist es ziemlich egal, ob wir uns stark oder schwach ausdrücken: Ich habe mich erschreckt bzw. ich habe mich erschrocken – beides gehört nicht in das Schriftdeutsch.

Ein Leser bemängelte die Ausdrücke „heiße“ Temperaturen (richtig: hohe Temperaturen) oder „billige“ Preise (richtig: niedrige Preise). Das Adjektiv billig bedeutet bereits „niedrig im Preis“, also müssen wir die Preise nicht doppelt gemoppelt anpreisen. Die alten Griechen, die sich statt um den Euro damals noch mehr um die Rhetorik (die Redekunst) kümmern konnten, haben uns den Fachbegriff für diese Stilfigur geliefert: den Pleonasmus (griech. Überfülle), die überflüssige Häufung sinngleicher oder sinnähnlicher Ausdrücke.

Sie kennen alle den weißen Schimmel, unbeschadet, dass Schimmel auch grau, gescheckt oder apfelfarben sein können, die tote Leiche, den runden Kreis, den alten Greis, die Gesichtsmimik, das Einzelindividuum, aber auch zusammenaddieren, neu renovieren, nutzlos vergeuden, weiter fortfahren oder persönlich anwesend sein. Das ist so ähnlich wie bei meinem Nachbarn, der seine Hose mit einem Gürtel über dem Bauch einschnürt, aber trotzdem noch Hosenträger benutzt. So etwas ist zu viel des Guten. Schwieriger dürfte es sein, den Pleonasmus in folgendem Satz zu erkennen: Die vom Vorsitzenden gemachten Ausführungen fanden Beifall. Gemachte Ausführungen? Natürlich muss es heißen: Die Ausführungen des Vorsitzenden fanden Beifall.

Inhaltlich überflüssig sind streng genommen auch die Zusätze bei folgenden Formulierungen: lautlose Stille, mit meinen eigenen Augen, vor vollendete Tatsachen stellen oder die Vorspiegelung falscher Tatsachen. In stilistischer Hinsicht stellen sie jedoch eine besondere und gewollte Betonung dar. Kein Pleonasmus, sondern eine Tautologie (griech. Wiederholung des bereits Gesagten) liegt vor, wenn ein Sachverhalt bedeutungsverstärkend doppelt wiedergegeben wird, etwa in Paarformeln: immer und ewig, aus und vorbei, nie und nimmer oder voll und ganz.

E-Mail: deutschstunde@t-online.de