Meinung
Deutschstunde

Wenn auch falsch, so doch wenigstens stark

Peter Schmachthagen

Peter Schmachthagen

Foto: Klaus Bodig / HA

Wir neigen dazu, regelmäßige Verben unregelmäßig zu machen. Deshalb brauchen wir sie aber nicht gleich in „das“ Korpus aufzunehmen

Eine Tageszeitung kann nicht wie das Fernsehen die Einschaltquote für einzelne Artikel messen lassen, um festzustellen, ob der „Tatort“ aus Münster oder der aus Kiel den größeren Zuspruch gefunden hat. Doch in gewisser Weise lässt sich die „Einschaltquote“ der Folgen meiner „Deutschstunde“ an der Zahl der Zuschriften ablesen. So gesehen, scheine ich mit der gar nicht so ernst gemeinten Glosse über das „Gewunke“ beim Besuch der Queen in Berlin einen persönlichen Rekord aufgestellt zu haben. Mein Postfach drohte überzulaufen, und vor allem ältere Leser fühlten sich ermuntert, endlich einmal das loszuwerden, was ihnen seit Jahrzehnten an vermeintlichen sprachlichen Fehlleistungen auf der Seele lag – nicht aus dem Abendblatt, sondern ganz allgemein „in den Medien“. Ein Brief kam sogar aus Oberösterreich.

Es ist schwierig, als Ruheständler mit einer Sprachglosse den Lehrmeister bis hinab zur tschechischen Grenze geben zu sollen. Aber natürlich freue ich mich darüber, während der letzten Woche zweimal das Partizip gewinkt gehört zu haben, und ich atme auf, dass jetzt unter (fast) jeder Mail die freundlichen Grüße mit Eszett geschrieben werden. Bevor ich nach langem Zögern wagte, diese Schreibweise anzusprechen, war es umgekehrt. Da wurde in neun von zehn Briefen mit Doppel-s „gegrüsst“.

Es wäre überzogen, nun süffisant weitere Beispiele nachzuschieben, selbst wenn es in den Fingern juckt und wenn Sebastian Vettel sagt, es sei nicht Santa Claus gewesen, der ihn am Sonntag in die Boxen „gewunken“ habe. Aber manchmal ist das Jucken stärker als die Zurückhaltung. Was zum Beispiel mag die ZDF-Reporterin Claudia Neumann geritten haben, uns während der Übertragung des WM-Endspiels im Frauenfußball aus Vancouver zu erklären, die gerade eingewechselte Abby Wambach habe die Binde als Spielführerin übergestriffen und – ohne mich nun auf eine ansonsten überaus kompetente Kollegin einschießen zu wollen ­– Magan Rapinoe feiere heute ihren 30-jährigen Geburtstag. Wir wollen annehmen, dass die Spielerin lediglich ihren 30. Geburtstag gefeiert hat und nicht in einer seit 30 Jahren ununterbrochen andauernden Feier festsaß.

Offenbar neigen wir im Unterbewusstsein dazu, möglichst viele Verben stark, wenn auch falsch zu konjugieren und sie dadurch vermeintlich aufzuwerten. Dabei ist die schwache Konjugation eigentlich die Regel (fragen, fragte, gefragt), und sie wird deshalb auch die regelmäßige Konjugation genannt. Die unregelmäßige Konjugation (singen, sang, gesungen), bei der sich der Stammvokal ändert (Ablaut) und häufig ein e/i-Wechsel eintritt (ich gebe, er gibt), sollte eher die Ausnahme sein. Dass Jacob Grimm die unregelmäßigen Verben als starke Verben bezeichnet hat, darf uns nicht verleiten, Flexionsformen dort zu stärken, wo es nichts zu stärken gibt: Bei streifen und natürlich bei winken handelt es sich um schwache Verben. Das war schon immer so, und das wird auch so bleiben.

Insofern gehören sprachliche Fundstücke von der Straße wie „gewunken“ nicht in das Korpus des Dudens. Mitmenschen, die (Pardon!) ansonsten nicht in der Lage sind, einen Satz ohne Notarzt zu Papier zu bringen, wissen erstaunlich gut über die ugs.-Einträge im Wörterbuch Bescheid und holen sie immer dann hervor, wenn man gerade dabei ist, eine möglichst klare Norm zu vermitteln.

Wahrscheinlich habe ich nun genug Gift verspritzt, muss aber noch eine Person anspritzen: mich selbst. Ich habe vor einer Woche aus lauter Begeisterung über die winkenden Berliner nicht aufgepasst und übersehen, dass es das Wort Korpus doppelt gibt. Es handelt sich um Homonyme, um Wörter, die gleich geschrieben und gesprochen werden, aber verschiedene Bedeutung haben und sich grammatisch, etwa durch Genus, Plural, Konjugation, voneinander unterscheiden (der Gehalt/das Gehalt). Der Korpus, des Korpus, die Korpusse ist der Körper oder der Klangkörper eines Saitenins­truments, das Korpus, des Korpus, die Korpora aber eine Sammlung von Texten und Wörtern. Ich hätte also schreiben müssen: „Gewunken“ gehört nicht in das Korpus der deutschen Sprache.

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