Meinung
Hamburger Kritiken

Warum sind viele Linke bloß so konservativ?

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jeden Montag Hamburg und die Welt

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jeden Montag Hamburg und die Welt

Foto: Andreas Laible/HA

Alles soll so bleiben wie es ist , ihr Dorf, ihre Stadt, ihr Leben. Dabei waren Wandel und Fortschritt einmal Motoren der Bewegung.

Im Gespräch mit dem Abendblatt erinnerte sich der große Politiker Hans-Jochen Vogel (SPD) an die Olympischen Spiele in München. Als Bürgermeister hat er den Prozess von der Bewerbung 1965 bis zu den Spielen 1972 so intensiv begleitet wie kein Zweiter. Und traf auf eine Stadt voller Aufbruch und Mut. „Es gab keine Gegner – nicht einmal unter den 68er-Studenten, die damals in München sehr aktiv waren. Ich kann mich nur an einen Journalisten erinnern, der Bedenken äußerte“, sagte Vogel. Vergangene Zeiten.

Nun ist Widerspruch immer gut, weil er Fehler verhindern hilft. 99,9 Prozent Zustimmung sind heute eher eine Spezialität von Bananenrepubliken und Diktaturen. Lieber über Olympia in Hamburg streiten, als autoritäre Staatsspiele wie in Sotschi oder Peking bejubeln. Und doch verwundert, warum in Hamburg derzeit alles und jedes in frage gestellt und bekämpft wird. Vor allem verwundert, wer dies tut. An der Spitze der Dagegen-Bewegung marschiert oft die politische Linke, die sich gern als Erben der 68-Rebellion sieht. Die Linkspartei, ein paar Grüne, ein paar Anwohner und einige Künstler – und fertig ist die Initiative. Ihnen geht es oft nicht mehr um die große Utopie, sondern um das kleine Glück im Krähwinkel. Das ist legitim, für eine Stadt aber wenig zielführend. Gegen Olympia demonstrierten kürzlich 300 Menschen in Wilhelmsburg, weil dort die „Veränderung am krassesten sei“, wie die Organisatoren warnen. Das ist eine hübsche Volte der Geschichte – früher wurde die Veränderung in ihrer radikalsten Form, der Revolution, herbeigesehnt, nun degeneriert sie zum Schreckgespenst. Einige Aktivisten erinnern an Konrad Adenauers Wahlspruch „Keine Experimente“. Oder geht es nur darum, Sand ins Getriebe zu streuen?

Und was treibt den Verein „Mehr Demokratie“, der gegen eine Volksabstimmung des Senats über Olympia mobil macht. Klingt seltsam? Ist es auch! Offenbar fürchten die Freunde der direkten Demokratie die direkte Demokratie, wenn sie der politische Gegner anwendet. „Autokratisch“, heißt es dann. „Volksentscheide von oben“. Da schwingt ein Misstrauen gegen demokratisch legitimierte Politiker, aber auch gegen das Wahlvolk mit, das staunen macht.

Die Argumente der Olympia-Gegner wirken in Teilen extrem konservativ. Fortschritt ist kein Versprechen mehr, sondern klingt eher wie ein Verbrechen. Beklagt wird die „Aufwertung des innerstädtischen Raums“. Was soll das heißen – sollte die City besser abgewertet werden? Darf sich nichts mehr verändern, nichts mehr investiert werden? Von dem SPD-Politiker Philip Rosenthal stammt der wahre Satz: „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“

In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Linke den Mut zur Veränderung verloren, das Ziel, Dinge zum Besseren zu wandeln, neue Wege zu wagen und Überkommendes infrage zu stellen. Das neulinke Credo lautet; „Alles soll so bleiben, wie es ist“. So ist man gegen den Freihandel TTIP ebenso wie gegen Projekte in der Nachbarschaft. In Ottensen tobt ein Konflikt um den Neubau einer Werbeagentur auf dem Zeise-Parkplatz (!) und einen möglichen Daniel-Libeskind-Bau am Spritzenplatz. Man wolle den dörflichen Charakter Ottensens bewahren, lautet das Argument gegen den futuristischen Fünfgeschosser des Star-Architekten. Dass hier mehr Wohnungen entstehen könnten als in den zweistöckigen Nachkriegsbauten, überzeugt die Kritiker nicht. Dabei ist der Wohnungsmangel das Argument gegen die Werber: „Ottensen ist kein angenehmer Platz mehr, wenn hier bis zu 1000 Leute dazukommen. Wir brauchen Wohnungen und keine Büroklötze“, heißt es dann. Immerhin: Flüchtlinge sind willkommen, aber das sind ja auch keine Werber. Vergessen wird, dass das heutige Ottensen ein Ergebnis von Gentrifizierung ist – und des erfolgreichen Nebeneinanders von Wohnen und Arbeiten. Die Szene, die den Stadtteil heute so verteidigt, hat ihn selbst einst aufgewertet.

Natürlich verspricht nicht jeder Wandel eine Wende zum Besseren. Aber zu viele Kräfte fließen in die Verhinderung des Neuen, statt in dessen Gestaltung. Viele Linke sind entsetzlich konservativ geworden.