Meinung
Deutschstunde

Ein Mädchen ist ein weibliches Wesen

Peter Schmachthagen

Peter Schmachthagen

Foto: Klaus Bodig

Doch grammatisch gesehen handelt es sich bei ihm nur um ein Neutrum. Das erschwert die Zuordnung der richtigen Pronomen.

Es gibt Formulierungen, die vermeide ich lieber – nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie stets Zuschriften von meist älteren Lesern nach sich zu ziehen pflegen, die die angeblichen Regeln der Stilistik alternativlos auf dem Realgymnasium eingebläut bzw. damals „eingebleut“ bekommen haben.

So ist der Gebrauch des Adjektivs letzter/letzte mit einigem Risiko verbunden. Ein Herr aus Uetersen schreibt: „Wenn man im Jahr 2015 vom Jahr 2014 spricht, heißt es nicht im letzten Jahr oder im vergangenen Jahr, sondern im vorigen Jahr. Das letzte Jahr haben wir ja (hoffentlich) noch nicht gehabt, und vergangen sind alle bisherigen.“

Hm, ja. Da sitze ich nun vor der Tastatur und will auf meine letzte Kolumne Bezug nehmen. Doch halt! Das könnte als Ankündigung des Endes der „Deutschstunde“ missverstanden werden, was einige Leser vielleicht bedauern würden, andere aber zum hämischen Nachtreten auffordern könnte, weil dieser Unsinn nun endlich vorbei wäre. Also: in der Folge der letzten Woche – wiederum Vorsicht! Die letzte Woche klingt nach Apokalypse und Weltuntergang. Nächster Versuch: in der vergangenen Folge. Vergangen und verweht sind jedoch alle bisherigen 142 Folgen. Das passt auch nicht. Demnach: in der vorigen Folge? Ich kann mir nicht helfen, aber in meinen Ohren klingt diese Formulierung wie ein missglückter Stabreim.

An dieser Stelle habe ich beschlossen, nicht mehr mitzuspielen. Sprache ist, was gesprochen wird, nicht das, was Studienprofessoren früher dafür erklärt haben. Die Semantik (Bedeutung eines Wortes) darf nicht zur Sophistik (Spitzfindigkeit) werden. Wenn ich vom letzten Jahr spreche, so meine ich weder die Apokalypse noch einen Film von Roland Emmerich, sondern schlichtweg das Jahr 2014. Das ist völlig korrekt und hochsprachlich. Die meisten Adjektive haben mehr als nur eine Bedeutung, letzte wenigstens derer fünf. Darunter befindet sich natürlich die Bedeutung das Ende einer Folge bildend (das letzte Haus der Straße, der letzte Buchstabe des Alphabets, die letzte Seite des Buchs, ein letzter Versuch), aber laut Duden-Stilwörterbuch auch: gerade erst vergangen; unmittelbar vor dem jetzigen Ereignis oder Zeitpunkt: den letzten Urlaub verbrachten wir am Mittelmeer; bei meinem letzten Besuch; letzten Sonntag; in der letzten Nacht, im letzten Jahr; in der letzten Zeit kam so etwas weniger vor; in der letzten Sitzung, beim letzten Mal[e], letztes Mal haben wir darüber gesprochen. Das Letzte ist nicht immer das Ende aller Dinge, selbst wenn wir die Sprache bis zum Letzten (sehr) ausreizen.

Ein Dauerthema ist auch das Geschlecht (Genus) eines Mädchens. Ein Mädchen ist zweifelsohne und selbst in Irland weiblichen Geschlechts, grammatisch gesehen jedoch wie alle Substantive auf -chen ein Neutrum. Das arme Wesen leidet unter der Diskrepanz zwischen natürlichem Geschlecht und grammatischem Geschlecht, und noch mehr leiden die Leser, wenn dieser Unterschied einmal wieder in der Zeitung missachtet worden ist. Eine alte Dame teilte mit, nach der Lektüre des Abendblatts habe sie in dieser Hinsicht jetzt alle Hoffnung fahren lassen. Ich mailte sofort zurück, sie möge um Himmels willen nicht mit dem Duden in der Hand aus dem vierten Stock springen, denn so einfach lägen die Dinge nicht.

Da es sich bei dem Mädchen um eine weibliche Person handelt, kann es mit einer femininen Form wieder aufgenommen werden: Das Mädchen ist eine gute Schülerin. Bei Relativsätzen gilt allerdings das grammatische Geschlecht: Das Mädchen, das (nicht: die) die Blumen überreichte. Beim persönlichen Fürwort (Personalpronomen) sowie beim besitzanzeigenden Fürwort (Possessiv) ist das Femininum wie das Neutrum möglich: Das Mädchen geht jetzt in die Schule. Es/Sie ist eine gute Schülerin. Die feminine Form wird heutzutage bevorzugt, wenn das Pronomen weiter entfernt steht: Das Mädchen fand schnell Freundinnen. Besonders bemühte sie sich um ihre Banknachbarin.

Wir wollen hoffen, dass das Mädchen schnell zur Frau reift, damit seine/ihre Weiblichkeit wieder mit der Grammatik übereinstimmt.

E-Mail: deutschstunde@t-online.de