Meinung
Leitartikel

Energiewende im Norden ist weltweit spitze

Der Autor ist Redakteur im Wirtschaftsressort des Abendblatts

Der Autor ist Redakteur im Wirtschaftsressort des Abendblatts

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas Laible

Der Norden will als Erster eine komplette Energiewende realisieren – eine historische Chance.

Ein schöneres Pfingstgeschenk konnte die bayerische Staatsregierung dem hohen Norden Deutschlands gar nicht machen. Heftig zanken Horst Seehofer und seine Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (beide CSU) mit den Nachbarländern Hessen und Baden-Württemberg. Die geplante Fernleitung SuedLink, die norddeutschen Windstrom nach Süddeutschland bringen soll, wollen sie auf bayerischem Boden nicht haben. Auch sonst geben sich die Weiß-Blauen beim Thema Energiewende bockig. Sie könnten mit erneuerbaren Energien ganz vorn dabei sein, aber sie wollen nicht. Bayern im Abseits.

Der Norden will. Hamburg und Schleswig-Holstein treiben ein Projekt voran, das in der praktischen Umsetzung nachweisen soll: Bis zum Jahr 2035 kann die Region komplett mit erneuerbaren Energien versorgt werden. An der Küste bietet sich dafür vor allem das riesige Potenzial der Windkraft an. Dies gilt es zu erschließen, vor allem aber technologisch so mit dem Verbrauch ganzer Städte, Industrieunternehmen und Verkehrssysteme zu verbinden, dass die Versorgung nicht nur klimafreundlich ist, sondern auch sicher und wirtschaftlich. Wenn das Projekt „NEW 4.0“ gelingt, hat Norddeutschland die modernste und beste Energieversorgung der Welt.

Die beiden Länder bewerben sich mit ihrem Konzept für ein Musterprojekt des Bundeswirtschaftministeriums, für das „Schaufenster intelligente Energie – Wind“. Die 80 Millionen Euro Fördermittel des Bundes sind kein großer Betrag, gemessen an den Summen, die bislang schon für die Energiewende bewegt werden. Der Norden könnte diese Mittel auch selbst aufbringen. Die Einbindung in das Bundesprojekt ist dennoch wichtig. Sie zeigt – wenn Hamburg und Schleswig-Holstein den Zuschlag erhalten –, dass beide in engem Schulterschluss Fortschritt für das gesamte Land erarbeiten. Und je weiter dieses Projekt kommt, desto mehr wird es zum Aushängeschild für die Küste. Ja, es wird und darf dabei auch Rückschläge geben. Alles andere wäre Fiktion.

Hamburg und Schleswig-Holstein gehen voran bei der zentralen Frage aller hoch entwickelten Gesellschaften. Ohne Energie geht in unserer durchtechnisierten Welt nichts mehr. Fossile, klimaschädliche Quellen wie vor allem Kohle und Erdöl können diesen Bedarf ebenso wenig sicher decken wie die Atomkraft. Alle Länder und Regionen, die sich dieser Realität nicht beizeiten stellen, werden zu den Verlierern zählen. Die Dividende für jene, die den Wandel gestalten, dürfte hingegen üppig ausfallen: Im Norden entsteht nicht nur das Fundament für die unbegrenzte Ernte von ökologisch unschädlicher Energie. Hier werden in den kommenden Jahren auch Innovationsschübe bei der Entwicklung von Strom- und Datennetzen realisiert, bei der Prognosetechnologie für die Wetter- und Klimaforschung, bei der Speicherung fluktuierender Energie aus Sonnen- und Windkraftwerken. Die Innovatoren werden diese Technologien weltweit exportieren. Und der Norden wird attraktiver als Standort für Unternehmen, die auf ökonomisch und ökologisch sichere Energie setzen.

Die wirtschaftlichen Gewichte in Deutschland werden neu verteilt. Kohle- und Kraftwerksreviere wie das Ruhrgebiet oder die Lausitz verlieren weiter an Bedeutung. Der Norden als Windland aber gewinnt. Bayern als Hochtechnologiestandort kann mit der Solarenergie, mit Energiespeichern oder der Wasserkraft eigene Akzente setzen. Doch der Freistaat agiert einstweilen auf Provinzniveau gegen den Netzausbau, den ganz Deutschland für die Energiewende braucht. Während Bayern blockt, geht der Norden voran. Der Fortschritt in Deutschland wird in diesen Monaten neu definiert.