Energiewende

Nur noch grüner Strom im Norden ab 2035

Der Windpark „Bard Offshore 1“ in der Nordsee: Diesem wenig erfolgreichen Projekt folgten zahlreiche weitere Kraftwerke auf dem Meer. Offshore-Windkraft
wird zu einer Stütze der deutschen Stromversorgung

Der Windpark „Bard Offshore 1“ in der Nordsee: Diesem wenig erfolgreichen Projekt folgten zahlreiche weitere Kraftwerke auf dem Meer. Offshore-Windkraft wird zu einer Stütze der deutschen Stromversorgung

Foto: dpa

Hamburg und Schleswig-Holstein wollen Kohle- und Atomkraft komplett durch regenerative Energie ersetzen. Bewerbung um Bundeshilfen.

Hamburg.  Schleswig-Holstein und Hamburg wollen der Energiewende mit einem Großprojekt zum Durchbruch verhelfen und nachweisen: Bis zum Jahr 2035 können beide Bundesländer in enger Kooperation zu 100 Prozent mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgt werden, vor allem auf der Grundlage von Windkraft. Kohlekraftwerke wie jenes von Vattenfall in Moorburg wären dann überflüssig. „Schleswig-Holstein erzeugt heute schon weit mehr Energie aus erneuerbaren Quellen, als es selbst verbrauchen kann, und Hamburg ist eines der großen Verbrauchszentren in Europa“, sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) am Montag bei der Präsentation des Projektes „NEW 4.0“ im Hamburger Rathaus. „NEW“ steht für „Norddeutsche Energiewende“. An dem Konsortium sind Unternehmen wie Vattenfall, Aurubis, Siemens oder die Hochbahn Hamburg beteiligt, zudem Hochschulen wie die HAW Hamburg und Forschungsinstitute wie das Fraunhofer Institut ISIT.

Hintergrund des Vorhabens sind mehrere Demonstrationsprojekte des Bundeswirtschaftsministeriums mit dem Titel „Schaufenster intelligente Energie“. Im Norden Deutschlands soll eines dieser Projekte auf der Grundlage von Windkraft, im Süden eines auf der Basis von Solarenergie realisiert werden. Hamburg und Schleswig-Holstein bewerben sich als „Schaufenster intelligente Energie – Wind“ unter anderem in Konkurrenz zu den Regionen Ostfriesland/Emsland und Berlin/Brandenburg. „Wir sind überzeugt, dass wir das beste Konzept im Wettbewerb haben, weil sich Hamburg und Schleswig-Holstein bei Verbrauch und Erzeugung in einem neuen Energiesystem perfekt ergänzen“, sagte Professor Werner Beba von der HAW, einer der Mitinitiatoren des Projektes. „Dies ist kein Forschungsprojekt, es ist ein Großtest in der Praxis.“ Die HAW verfügt bereits über eine für „NEW 4.0“ wichtige In-frastruktur. Zu Beginn des Jahres eröffnete in Bergedorf der neue „Energie Campus Hamburg“. Die Anlage ist gleichermaßen Forschungszentrum wie auch Kombikraftwerk, in dem das Zusammenspiel von Windkraft und Solarenergie mit moderner Verbrauchssteuerung und Energiespeicherung als Gesamtsystem erprobt wird.

Das „Schaufenster intelligente Energie“ wird vom Bundeswirtschaftsministerium je Projekt mit rund 80 Millionen Euro gefördert, weitere 40 Millionen Euro müssen die jeweiligen Projektpartner als Eigeninvestitionen beisteuern. Eine Entscheidung über die Vergabe des „Schaufensters intelligente Energie – Wind“ soll im dritten Quartal 2015 fallen. Ihre Bewerbung schicken Hamburg und Schleswig-Holstein Ende Mai nach Berlin. Die Projektpartner und die beiden Landesregierungen ließen am Montag offen, was aus „NEW 4.0“ wird, sollten Hamburg und Schleswig-Holstein den Zuschlag nicht erhalten. „Wir glauben, dass wir das bestmögliche Konzept realisieren können“, sagte Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD). „Hamburg und Schleswig-Holstein beweisen, dass sie beim Jahrhundertprojekt Energiewende engstens zusammenarbeiten wollen und können.“

Der Projektplan von „NEW 4.0“ geht über das bei der Energiewende bislang Erreichte weit hinaus. Aus erneuerbaren Energien soll künftig nicht nur die komplette Stromversorgung im Norden, sondern auch der Energiebedarf der Industrie, die Gebäudewärme und der Kraftstoffbedarf für die regionale Mobilität gedeckt werden. Die Herausforderung besteht vor allem darin, ein zwar stark wachsendes, aber dennoch weiterhin schwankendes Aufkommen an Windenergie mit dem jeweiligen Verbrauch von Industriebetrieben, Hafenanlagen, Flughäfen, Bahnhöfen und kompletten Städten zu synchronisieren. Zum einen soll dies gelingen, indem der Stromverbrauch mithilfe moderner Netze und Prognosetechnik viel exakter als bislang an die schwankende Erzeugung von Windparks angepasst wird. Zum anderen muss erneuerbare Energie in großem Maßstab gespeichert werden: per Elektrolyse in Form von Wasserstoff, als Fernwärme, als Prozesswärme in Industriebetrieben.

„Wir nutzen heutzutage in Schleswig-Holstein und Hamburg eine Leistung von rund 7000 Megawatt aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Windparks an Land und auf See. Das gesamte Erzeugungspotenzial der Küstenregion von Schleswig-Holstein liegt aber bei 15.000 bis 20.000 Megawatt“, sagte Matthias Boxberger, Chef des Netzbetreibers und Energieunternehmens HanseWerk mit Sitz in Quickborn, der zum fünfköpfigen Leitungsteam von „NEW 4.0“ gehört. „Wir müssen künftig weit mehr erneuerbare Energie als heutzutage direkt vor Ort nutzen. ,NEW 4.0‘ soll den Beweis erbringen, dass wir diesen Anspruch alltagstauglich umsetzen können.“

Die gesamte Projektsumme von rund 120 Millionen Euro mutet gering an, verglichen etwa mit einem einzigen Gleichstrom-Landanschluss für Offshore-Windparks, der rund eine Milliarde Euro kostet. Eine Förderung des Bundes sei dennoch unverzichtbar für einen Erfolg von „NEW 4.0“, sagte Boxberger: „Die beteiligten Unternehmen werden Innovationen um- und einsetzen, die heutzutage auf keinen Fall wirtschaftliche sein können, etwa bei der Elektrolyse von Wasserstoff oder bei der Netzsteuerung von Energieangebot und -nachfrage.“

Hamburgs neuer Umwelt- und Energiesenator Jens Kerstan (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierte im Rathaus Bayerns sperrige Haltung bei der Energiewende und beim Netzausbau, hob aber auch die Chancen für den Norden hervor. „Wir legen hier einen Masterplan für die Weiterentwicklung der Energiewende vor, wie wir ihn auf Bundesebene eigentlich schon längst haben müssten“, sagte er. „Wenn Bayern die Chancen dieses Jahrhundertprojekts nicht nutzen will – der Norden tut es mit vereinten Kräften.“ Die Zeit der „Eifersüchteleien und Besitzstandswahrung“ zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein sei vorbei, sagte Kerstan mit Blick auf frühere Konflikte wie etwa den Streit um die Windmesse.

Ähnlich äußerte sich Michael Westhagemann, Standortchef von Siemens in Norddeutschland und Vorstandsvorsitzender des Industrieverbandes Hamburg (IVH): „Hamburg und Schleswig-Holstein erarbeiten sich bei der Energiewende einen großen Standortvorteil. Das wird auch Unternehmen in Süddeutschland nicht verborgen bleiben.“ Norddeutschland werde, sagte Werner Beba von der HAW, auch durch die Anbindung an skandinavische Wasserkraftwerke, zur „Energiedrehscheibe Nordeuropas“.

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