Meinung
Hamburger Kritiken

Deutschland als vermeintliches Schlaraffenland

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Matthias Iken
Matthias Iken

Matthias Iken

Foto: Andreas Laible/HA

Die Flüchtlingsdebatte braucht mehr Fakten und weniger Emotionen. Auch Zuwanderung kann an Grenzen stoßen.

Kürzlich in Othmarschen ließ sich besichtigen, wie die Stimmung kippen kann: Die Behörde hatte eingeladen, um Anwohnern und interessierten Bürgern darzulegen, wie ab Sommer 208 Flüchtlinge auf einer Grünfläche am Holmbrook untergebracht werden sollen. Die Stimmung war aufgeschlossen, viele Nachbarn hatten sich schon zuvor auf Initiative der evangelischen Kirchengemeinde viele Gedanken gemacht, wie sie den Zuwanderern helfen könnten. Dann stellte jemand die Frage, warum die Unterkunft eigentlich in einem Park und nicht auf der naheliegenden Brachfläche an der Paul-Ehrlich-Straße erfolgen kann.

Die Antwort löste Kopfschütteln und Unverständnis aus: Dort, so sagte ein Behördenmitarbeiter überraschend, werde eine Zentrale Erstaufnahme für 600 Flüchtlinge erwogen. Bei allem Verständnis für die Stadt, die vor der Herkulesaufgabe steht, immer mehr Menschen unterzubringen – so fördert man nicht das Engagement von Bürgern, die eben nicht mit Klagen eine Flüchtlingsunterkunft verhindern, sondern helfen wollen. Dieses kleine Beispiel, das derzeit überall in Stadt und Land spielen könnte, zeigt, das irgendwann die Stimmung kippen könnte. Denn die Zahl der Asylsuchenden steigt monatlich – inzwischen gehen viele von 400.000 bis 500.000 Flüchtlingen für 2015 aus.

Niemand wird angesichts der dramatischen Bilder vom Mittelmeer, der Kriege oder der Repression in Syrien, dem Irak, in Somalia oder Eritrea Hilfe verweigern wollen. Europa, in Sonntagsreden gern zur Wiege der Menschenrechte stilisiert, kann vor dem Elend weder Augen noch Türen verschließen. Es ist ein Armutszeugnis für die EU, dass sie weder den besonders betroffenen Staaten im Süden zur Hilfe eilt noch die Flüchtlinge den Möglichkeiten entsprechend verteilen kann. Eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, können Schweden, Italiener und Deutsche nicht im Alleingang reparieren.

Angesichts des Migrationsdrucks muss man sich die Zahlen nun einmal genauer ansehen. Denn zu den Weltkrisen addiert sich eine Armutseinwanderung vom Balkan: Im ersten Quartal kamen 61,6 Prozent der Asylbewerber von dort. Ganz vorne liegt das Kosovo, derzeit reisen viele Menschen aus Albanien ein. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage vor Ort kann man diese Menschen verstehen – aber genauso verständlich ist, wenn Union und SPD inzwischen fordern, Albanien zu einem sicheren Herkunftsland zu erklären und die Anträge schneller abzuarbeiten. Etwas mehr Rationalität muss erlaubt sein,

In jedem Grundkurs zur Migration hören Studenten von „Push“- und „Pull“-Faktoren. Push umschreibt den Druck, unter dem Menschen von Krieg, Hass und Verfolgung fliehen. Pull heißt „(an)ziehen“ – und da zieht Deutschland derzeit etwas mehr, als hilfreich wäre. Das Bundesamt für Migration formuliert es drastisch: „Gerüchte (teilweise gezielt gestreut) über die bereitwillige Aufnahme albanischer Migranten in Westeuropa sowie über gewährte Sozialtransferleistungen erhöhen die Ausreisewilligkeit der Migranten und erleichtern kriminellen Reiseunternehmen zusätzlich das Geschäft.“ Diese Flüchtlinge drängen in überlastete Asylverfahren, die für sie nie gedacht waren – und die in den allermeisten Fällen mit einer Ablehnung enden. Damit ist weder den Menschen vom Balkan geholfen, die sich mit Illusionen nach Norden aufmachen und dann desillusioniert in ihre Heimat zurückkehren müssen, noch den Balkanstaaten, die angesichts des Massenexodus ins Trudeln geraten.

Die politische Aufrichtigkeit gebietet zu handeln. Die EU muss mit Millionen-Programmen auf dem Balkan helfen. Deutschland, darauf wird man vor Ort hinweisen müssen, ist kein Schlaraffenland. In letzter Konsequenz sind auch Maßnahmen nötig, die in der öffentlichen Debatte schnell als „unmoralisch“ und „herzlos“ gebrandmarkt werden – nämlich Abschiebungen.

Angesichts der Weltlage dürften sich in den kommenden Jahren noch mehr Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika auf den Weg machen, um dem Terror zu entfliehen. Deutschland und Europa werden hier helfen müssen. Dazu aber sollten die Ressourcen gebündelt – und der gesellschaftliche Konsens zur Hilfe erhalten werden. Bevor die Stimmung kippt.

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