Meinung
Jungs Zeitgeist

Von Hirschen, Hasen und dem Holzmichel

Auf dem Kiez beginnt die Hoch-Zeit für Junggesell(inn)enabschiede. Was treibt bloß erwachsene Menschen, sich zum Affen zu machen?

Jetzt im Mai geht es wieder los. Männer- und Frauengruppen in albernen Verkleidungen wälzen sich an den Wochenenden durch die Große Freiheit, bieten aus Bauchläden kleine Schnapsfläschchen an, fotografieren sich kreischend auf der Reeperbahn oder strampeln grölend in „Beer Bikes“ mit Zapfhahn durch die Straßen. Lebt denn der alte Holzmichel noch? Weiß ich nicht, aber vor allem leben die Junggesell/inn/enabschiede (JGA). Die sind für viele Kiez-Wirte profitabel - und bei vielen Anwohnern so beliebt wie die Beulenpest.

Zwar ist der Mai nicht mehr der Hochzeitsmonat, denn die meisten Ehen werden laut Statistischem Bundesamt im August geschlossen, aber jetzt beginnt die Hochzeitssaison. Und damit leider auch die der vorgeschalteten JGA. Dieser Hochzeitsbrauch boomt seit zirka zehn Jahren auch in Deutschland. Was mal eine von den Trauzeugen selbstorganisierte Vorabendparty war, kann bei Anbietern in ganz Europa längst als Wochenend-Paket gebucht werden, am liebsten in Hamburg-St. Pauli oder Berlin. Zum Programm gehören Abholen in Stretchlimousinen, Bootstouren mit Saufen, Strip-Clubs mit Lapdance und Saufen, „Beer Bikes“ und Go-Kart-Fahren, auf dem Kiez Führungen mit „Titten Tina“ und Saufen sowie „Reeperbahnbummel hoch und runter zur öffentlichen Peinigung des Junggesellen“, zum Beispiel im Hasen-, Gockel- oder Borat-Kostüm, natürlich mit Saufen. Immerhin: Das Kostüm darf behalten werden.

Ursprünglich kommt die „Bachelor Party“ oder „Stag Party“ (stag: engl. Hirsch) aus den USA. Der Bräutigam soll es vor dem Gang zum Traualtar noch mal so richtig krachen lassen und feiert mit Kumpels die „letzte Nacht seiner Freiheit“, gerne in erotischen Etablissements in Gesellschaft von Stripperinnen. In den USA ist Las Vegas die Hochburg der JGA. Und damit das Ganze wirklich unvergesslich wird, organisieren die Kumpels noch ein paar peinliche Spielchen, bei denen der arme Hirsch unter dem Gejohle seiner Partygruppe im Nachthemd Hundehaufen von der Straße kehren oder an der Ampel Autos waschen muss. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Als fehlten noch Beweise, dass Frauen jeden Unsinn nachmachen: Inzwischen gibt es auch Junggesellinnenabschiede mit ähnlichem Programm, aber männlichen Strippern.

Ist das Ganze nur eine Verästelung jener Heimsuchung namens Schlagermove? Das würde zu kurz greifen. Welche „Freiheiten“ werden heute bei der Heirat überhaupt aufgegeben? Sind feuchtfröhliche Männer- und Mädelsabende danach etwa tabu? Wenn man unter den Damengruppen in vorgerücktem Alter herumfragt, die in der Nacht zum Sonntag kichernd den Kiez unsicher machen, sind die meisten verheiratet. Die meisten Stammkunden von St. Paulis Liebedienerinnen in der Regel übrigens auch.

Zur Kaiserzeit hätte man den JGA ja noch verstehen können. Im preußischen Adel wurden öde Geldheiraten arrangiert, da war das Abfeiern in Berliner Varietés mit Fräuleins ohne Korsett wirklich der Abschied von einer Junggesellenfreiheit, danach galt Etikette. Anno dunnemals war es auch üblich, dass die Braut in der Kirche von ihrem Vater dem Bräutigam zugeführt (also von einem Vormund dem anderen übergeben) wurde und „in Weiß“ heiratete, als Zeichen ihrer Unbeflecktheit. Und heute? Man fasst es nicht: 100 Jahre nach dem Abtreten des preußischen Adels wird fröhlich wieder bei 1870 angefangen. Warum brauchen 30-jährige Schiffsmaklerinnen mit langer Liebhaberliste, die längst ihr eigenes Geld verdienen, einen Brautführer? Warum machen sich erwachsene Männer öffentlich zum Narren (auch wenn viele das oft gar nicht wollen), bloß weil sie heiraten? Wozu kopieren junge Leute im 21. Jahrhundert Frauen- und Männerbilder, die schon ihre Eltern in den 1960-ern aus gutem Grund auf den Müll geworfen haben?

Nichts gegen den Wunsch nach einer stilvollen Hochzeit, und nichts gegen Feiern im Amüsierviertel, vor und während der Ehe. Aber nicht jeder Trend, der über den großen Teich kommt, ist sonderlich intelligent, wie man schon am Wrestling sieht. Unsere Heiratsbräuche sollten wir schon mit etwas Verstand auswählen.