Meinung
Deutschstunde

Schreibt man Kartoffelmus mit Schnörkel-s?

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Mit der Rechtschreibreform wurde das Eszett keineswegs abgeschafft, und auch in "Straße" sollte man es tunlichst weiterhin benutzen.

Nachdem wir dem Gruß und den Grüßen durch einen vorsichtigen Hinweis wieder das Eszett verschafft haben, das unter den meisten Mails im deutschsprachigen Raum durch "Gruss" und "Grüsse" abgelöst zu werden drohte, hält sich das Doppel-s dafür hartnäckig im Wort "Strasse". Hm, wie nähere ich mich diesem Punkt, ohne ins Oberlehrerhafte abzugleiten? Natürlich wird auch die millionenfach vorkommende Straße mit Eszett geschrieben. Das wurde sie bereits im 33-bändigen "Deutschen Wörterbuch" (dtv) der Brüder Grimm. Jacob und Wilhelm Grimm erzählten zwar nach Feierabend Märchen, waren im Hauptberuf aber die Begründer der Germanistik und penible Sammler des deutschen Wortschatzes.

Die Grimms, die keine Großschreibung benutzten, schrieben "s" und "z" noch als Einzelbuchstaben: "grusz" und "strasze". Doch spätestens 1880, als der Direktor des Königl. Gymnasiums zu Hersfeld, Dr. Konrad Duden, sein "Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache" herausgab, waren "s" und "z" zur Ligatur "ß" (Buchstabenverbindung auf einer Drucktype) verschmolzen. Übrigens: Wer auf dem Tablet oder Smartphone partout kein Eszett findet, der drücke etwas länger auf das [S], und schon bekommt er eine Auswahl an Sonderzeichen angeboten.

Leute mit Lücken in Deutsch pflegen gern die Rechtschreibreformer, die Kultusminister oder allgemein "die Politiker" für die eigenen Defizite verantwortlich zu machen – da muss man sich nur das anonyme Gestammel der "Community" unter den Online-Artikeln ansehen –, aber sie irren sich in der Annahme, das Eszett wäre durch die Reform abgeschafft worden. Im Gegenteil, die Reformer haben mit der ss/ß-Regel klar und einfach festgelegt, wann "ss" und wann "ß" geschrieben werden muss. Nach einem kurz gesprochenen Vokal (Selbstlaut) steht "ss": Kuss, Riss, Ass, musste, bisschen, Schloss, nass. Das ist "gräßlich"? Wohl kaum, und wenn schon, dann bitte grässlich! Die Schreibung von "ss" statt "ß" nach kurz gesprochenen Vokalen ist übrigens die einzige Neuerung der Reform bei den s-Lauten.

Das "u" in Fluss wird eindeutig kurz gesprochen, trotzdem mussten Schüler und Lehrer bis 1998/99 am Wortende ein Eszett setzen und den Fluss somit zum "Fluß" verbiegen. Dieser Fluss ("Fluß") floss ("floß") jedoch seinerzeit im Genitiv und im Plural ins Bett des Doppel-s zurück: des Flusses, die Flüsse. Dort fließen sie auch heute noch. Wir halten als neue Regel fest: Einmal "ss" im Wort, immer "ss" im Wort. Wir dürfen allerdings nicht übers Ziel hinausschießen und dauernd die S-Taste tippen, wenn ein Eszett angesagt ist, etwa in Straße oder Grüße.

Das Eszett steht nach lang gesprochenem Vokal, und es stand dort bereits seit ewigen Zeiten: Schoß, Ruß, süß, Grieß, mäßig. Das Eszett steht auch nach Diphthongen (Doppelvokalen). Diphthonge werden immer lang gesprochen. Treffen wir zum Beispiel auf ein au, eu oder ei mit anschließendem s-Laut, dann steht ein Eszett: weiß, reißen, außen, heiß, Preußen, Strauß. Vorsicht allerdings bei Eigennamen: Unser erster Bundespräsident Theodor Heuss schrieb sich trotz des Diphthongs hinten mit Doppel-s!

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir mein Postfach jetzt nicht mit Beispielen wie Reis, Maus oder Haus vollstellen würden. Bei der Schreibung der einfachen s-Laute ist trotz der Reform nämlich alles beim Alten geblieben: Pause, Läuse, böse, Hals. Das erinnert mich an meine Tochter, inzwischen längst Mutter mit Haus und Gemüsegarten, die als Zehnjährige angelaufen kam und fragte: "Papa, schreibt man Kartoffelmus hinten mit Schnörkel-s oder zweimal s?" "Weder – noch, Svenja, mit Einfach-s!" Das Mus, verwandt mit dem Wort Gemüse, kommt als breiartige Speise für uns einfache Leute mit einem einfachen "s" aus. Drei-Sterne-Köche sprechen von einer Mousse. Das macht mehr her. Da wir gerade dabei sind: An Elbe und Alster sagt man Tschüs mit großem "T" und trotz aller Gegenbeispiele ebenfalls mit einfachem "s". Der Abschiedsgruß kommt, wie in meinem "Hamburger Wortschatz" erklärt, von adjüüs aus span. adiós ("Gott befohlen").


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