Meinung
Gastbeitrag

Wenn der Bunker zu reden beginnt

So könnte der Bunker mi einem Park auf dem Dach aussehen

Foto: Planungsbüro Bunker / dpa

So könnte der Bunker mi einem Park auf dem Dach aussehen Foto: Planungsbüro Bunker / dpa

Ein Plädoyer von Martin Paulekun, Pastor an der St.-Pauli-Kirche: Warum wir dem martialischen Klotz an der Feldstraße ein grünes Dach verpassen sollten.

Eine Windmühle stand dort bis 1936, wo die Nationalsozialisten einige Jahre später den Bunker auf dem Heiligengeistfeld errichteten. Diesen merkwürdigen Kontrast zwischen den Bauwerken wollten die Nazis tunlichst vermeiden. Die freie Fläche im Dreieck Feldstraße, Glacischaussee und Budapester Straße war für Paraden und Aufmärsche vorgesehen. Der Bunker sollte dementsprechend ein wehrhaftes Deutschland verkörpern. Schaut man den Klotz an der Feldstrasse heute an, bekommt man immer noch einen Eindruck von dieser martialischen Ausstrahlung. Er war sozusagen eine nationalsozialistische Ikone, eine Trutzburg und ein Bild für ein kampfbereites Deutschland. Ursprünglich wurden zwei Flaktürme dort errichtet, einer musste dem Telekom-Gebäude an der Budapester Straße weichen, der andere steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Mahnmal sagen die einen, als Schandfleck empfinden ihn die anderen. Der Bunker ist sozusagen ein stummer Zeuge der Geschichte geworden, denn er redet ja nicht.

Im Innern, da ist es anders, da spricht er, singt, tanzt und musiziert, im Übel und Gefährlich, in der St. Pauli Music School, beim Ensemble Resonanz oder auch in anderen Stockwerken.

Das Dach des Bunkers soll nun zum öffentlichen Park werden. Das löst natürlich Diskussionen in alle Richtungen aus. Darf man ein Denkmal verändern oder gar begrünen?

Mir fällt meine alte Tante aus dem Rheinland ein. Aufgewachsen mit mehreren Geschwistern in einem Pfarrhaus, musste sie in der Nazizeit erleben, wie die Fenster des Hauses mehrfach eingeworfen wurden und der Vater in Haft kam. „Volksverräter“ schrieben die Nazis in großen Buchstaben auf die Hauswand. Eine Zeit großer Angst, aber auch eine Zeit, die die Kinder geprägt hat. Der Vater überlebte seine Verhaftungen und blieb ungebrochen.

Meine Tante arbeitete nach dem Krieg mit Kindern und leitete viele Jahre eine Kindertagesstätte. Sie war weit über sechzig Jahre alt, als sie eine neue Kita, ausgerechnet in den Räumen einer alten Nazivilla, eröffnete. Mir schien damals, sie spürte große Genugtuung dabei. Vieles beließ sie so in dem Haus, wie es ursprünglich gewesen war. Das alte Eichentreppenhaus bekam ein Kindergeländer, ein gewaltiges Bild im Flur mit einem röhrenden Hirschen wurde zur Einweihung mit Luftschlangen und Fingerfarben dekoriert. Das Haus hatte einen Luftschutzbunker, und seine Entlüftungsschächte ragten mitten auf dem neuen Spielplatz aus der Erde. Meine Tante hatte sie eigenhändig angemalt, und sie sahen jetzt aus wie Fliegenpilze. Ich erinnere mich noch genau, wie stolz sie mir alles bei der Eröffnung zeigte. „Weißt du“, sagte sie, „ mein Vater hat schon immer gesagt, wir holen uns alles irgendwann einmal wieder zurück.“ Meine Tante ist lange tot, die Kita gibt es noch immer mit ihren Fliegenpilzen. Mir ist die Geschichte in guter Erinnerung geblieben, und sie überzeugt mich noch immer, weil sie einen wunderbar spielerischen und leichten Umgang mit einem schweren Thema zeigt.

Mir gefällt die Vorstellung, ein grünes Dach auf dem Bunker an der Feldstraße zu sehen, ein Ort, der für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Ein grünes Dach, auf dem Menschen sitzen, gärtnern, Kaffee trinken oder einfach die Aussicht genießen. Es wäre großartig, wenn es gelingen könnte, auch gleichzeitig eine Gedenkstätte zu planen, die die Geschichte und die Geschichten des Bunkers erzählt: Von den Zwangsarbeitern, die gebaut haben, von den Anwohnern, die Schutz gefunden haben bei Bombenangriffen, von denen, die die Flakgeschütze bedienten und von all den anderen. Dann würde der Bunker zu einem Erinnerungsort, der zu reden beginnt. Das Bild der nationalsozialistischen Ikone wäre gebrochen.

Ich freue mich, wenn viele Anwohner mitplanen und -gestalten. St. Pauli lebt von seiner Vielfältigkeit, Buntheit und Toleranz, von all denen, die sich engagieren. Wohl und Wehe eines Stadtteils entscheiden sich in erster Linie vor Ort.

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