Meinung
Leitartikel

Deutscher Wald: Die Eiche schwächelt

Der Waldzustandsbericht gibt leider keinen Grund zur Entwarnung

Ein Bundeslandwirtschaftsminister hat nicht allzu viele Gelegenheiten, mit positiven Nachrichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Futtermittelskandale, Viehseuchen, Genmais-Debatten, Bauern am Existenzminimum – die Agrarwirtschaft steckt mittendrin im globalen Preiskampf. Verständlich, dass Agrarminister Christian Schmidt (CSU) da gerne die gute Nachricht vom Wald präsentiert: Der ist „im Kern ein gesundes Ökosystem“. Auf 38 Prozent der Waldflächen seien keine Schäden mehr feststellbar. Das ist erfreulich, gerade in diesen Frühlingstagen, in denen es Tausende Hamburger wieder in den Klövensteen, den Sachsenwald und das Alstertal zieht.

Denn gefühlt ist der Wald für die deutsche Seele so wichtig wie Dürers Hase, der Kanon „Abendstille überall“, „Des Knaben Wunderhorn“ und der VW Golf. Im Wald fühlte Goethe „eine wunderbare Heiterkeit“, im Wald war Heinrich Heine nach Weinen zumute, im Wald lebten Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ und das geheimnisvolle Glasmännlein im Märchen von Wilhelm Hauff. Es ist unmöglich, in Deutschland aufzuwachsen und nicht zutiefst von Waldeslust infiziert zu werden.

Nur so lässt sich der Schock erklären, der in den 80er-Jahren das Land erfasste, als das Fernsehen dramatisch zerstörte Waldgebiete im Harz und Schwarzwald zeigte. Schuld war der saure Regen, verursacht durch schwefelhaltige Emissionen von Industrie, Kraftwerken und Straßenverkehr. Der saure Regen verätzte auch die Gesichter der Heiligenfiguren am Kölner Dom und die Kupferdächer der Kirchtürme. Aber die Stresssymptome bei Fichten und Kiefern, Buchen und Eichen berührten die Menschen noch tiefer.

Das Waldsterben hat die Diskussionen der 80er-Jahre geprägt und sich sogar im Englischen und Französischen eingebürgert, so wie „le Berufsverbot“ oder „the Kindergarten“. Es hat den Grünen zum Erfolg verholfen und umweltpolitische Reformen vorangetrieben – Immissionsschutzgesetze, die TA Luft, die Großfeuerungsanlagenverordnung, die Einführung des Katalysators und des bleifreien Benzins. Das Waldsterben stand für den Wandel einer Grundstimmung: Wir können nicht immer so weitermachen und dem wirtschaftlichen Wachstum alles opfern. Schon gar nicht unsere Eichen.

Zwar ist die Gesamtzahl geschädigter Bäume inzwischen zurückgegangen. Aber die Waldzustandsberichte zeigen im Zehnjahresvergleich, dass kein Grund zur Entwarnung besteht. Im Jahr 2003 wiesen 39 Prozent der Eichen schwere und 44 Prozent schwache Schäden auf – heute sind 42 Prozent der Eichen schwer geschädigt, nur die Zahl der schwächer betroffenen Bäume hat sich verringert. Die Rate der schwer geschädigten Fichten ist mit 27 Prozent gleich geblieben, die der Buchen von 30 auf 35 Prozent gestiegen. Der qualitative Sprung zum nachhaltig gesunden Wald ist also keineswegs geschafft.

Zu schaffen machen dem Waldökosystem nach wie vor die zu hohen Stickstoffeinträge der Landwirtschaft, die den Boden versauern und das Wurzelwachstum beeinflussen. Die vielen Fichten- und Kiefern-Monokulturen sind artenarm, ökologisch instabil und umso anfälliger für Schädlinge und Sturmschäden. Und immer häufiger muss der Wald extreme Witterungen abpuffern. Denn das Schlüsselwort heißt heute nicht mehr Luftverschmutzung, sondern Klimawandel.

Das Grunddilemma ist aber immer noch das gleiche: Energie-, Umwelt- und Landwirtschaftspolitik müssten zusammen ein schlüssiges Schutzkonzept für den Wald umsetzen. Wir organisieren sie aber in getrennten, oft konkurrierenden Ministerien, die ihre eigenen Kompromisse aushandeln. Nur die Spezies Mensch bringt es fertig, mit der Linken etwas Sinnvolles zu tun und mit der Rechten das Gegenteil.