Meinung
Deutschstunde

Wenn die Muttersprache überholt wird

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen

Die Zeitläufte zeigen es: Deutsch sprechen und deutsch sprechen ist zweierlei. Unsere Sprache nähert sich einem Schwanengesang

In Deutschland wird Deutsch (was?) gesprochen. Sofern die Sprache gemeint ist, mag es ja noch einige Mitbürger geben, die sich auf Deutsch ausdrücken können. Ob in Deutschland jedoch auch deutsch (wie?) gesprochen wird, ist eine andere Frage. „Forget German“ überschrieb Matthias Iken am gestrigen Montag an dieser Stelle voller Ironie seine Kolumne und schilderte die bizarre Szene, als die schwedische Kronprinzessin Victoria, Tochter einer deutschen Mutter, in Hamburg offiziell auf Englisch begrüßt wurde. Angeblich wollte man höflich sein, weil das Gefolge vom Gemahl bis zum Chauffeur nicht so gut Deutsch verstand wie die Thronfolgerin. In Wirklichkeit präsentierten die Spitzen von Museum und Senat eher ihre nur scheinbare Weltläufigkeit, klinge es, wie es wolle.

Man stelle sich vor, der französische Präsident François Hollande würde, nachdem er die Croissants verspeist, seinen Motorradhelm abgelegt und sich in den Elysée-Palast zurückgeschlichen hat, eine schwedische Prinzessin auf Englisch statt auf Französisch begrüßen – seine nächtlichen Eskapaden werden ihm verziehen, das Verleugnen seiner Muttersprache hätte ihn jedoch aus dem Amt gefegt.

Hochdeutsch war in Hamburg allerdings schon immer eine Fremdsprache. Jahrhundertelang begrüßte der Senat seine Gäste auf Plattdeutsch. Noch 1844 musste der Bürgereid auf Platt abgelegt werden: „Ick lave und schwere tho Gott, dem Allmächtigen, dat ick düssem Rahde und düsser Stadt will truw und hold wesen.“ Ich zögere ein wenig, Woche für Woche die Stolpersteine und Eigenarten unserer Muttersprache darzulegen und dadurch vielleicht den einen oder anderen davon abzuhalten, Deutsch zu lernen. Ich hoffe jedoch, so verstanden zu werden, dass die deutsche Sprache großen Spaß machen wird, wenn man weiß und erkennt, wo und warum es Stolpersteine gibt und wie man sie umgehen kann. Eine Flut von Zuschriften zeigt, dass die meisten Leser das so verstanden haben.

Einen kleinen Stolperstein offenbart die Frage, ob es Zeitläufe oder Zeitläufte mit „t“ heißen müsse. Obwohl es so klingt, als habe Friedrich der Große seine ausgemusterten Soldaten als Schulmeister auf die Dorfjugend losgelassen, heißt der Ablauf der Zeit und der Jahre hochsprachlich nach wie vor Zeitläufte. Bei -läufte handelt es sich um den Plural der heute nicht mehr gebräuchlichen Substantivbildung der Lauft (Lauf). Kluges Etymologie und der Wahrig zum Beispiel kennen nur den Plural „Zeitläufte“ mit „t“, aber der Duden wäre nicht der Duden, wenn er nicht für jede Sprachschluderei in seinen Publikationen doch noch eine Verwendung fände. Er definiert den Begriff Zeitläufe für Wettkämpfe, bei denen die Teilnehmer einzeln starten und die Reihenfolge später nach der erzielten Zeit festgestellt wird.

Erst als ich nach telefonischer Rückfrage sicher war, dass es sich um keinen Scherz nach Mitternacht handelte, entschloss ich mich, auch die Frage ernst zu nehmen, ob „Schwanenschwarm“, „Schwäneschwarm“ oder „Schwanschwarm“ korrekt sei. Abgesehen davon, dass „Schwarm“ von „schwirren“ kommt und zum Bienenschwarm oder Heringsschwarm, aber nicht zu majestätisch dahingleitenden Schwänen oder hintereinander marschierenden Gänsen passt, gibt es keine feste Regel, ob das Bestimmungswort eines Kompositums im Singular oder im Plural erscheint. Bei dem Vogelschwarm ist der Vogel Pars pro Toto für eine Unmenge von Vögeln, während für die Gänsebrust im Plural nur eine einzelne Gans ihre Brust hat opfern müssen. Im Allgemeinen bildet man neue Komposita analog zu bereits bestehenden. Es gibt den Schwanenhals, den Schwanengesang (das letzte Werk) oder das Schwanenpaar und somit, wenn es unbedingt sein muss, auch den Schwanenschwarm.

Der Schwan wird heute wie der Storch oder Hirsch stark dekliniert: der Schwan, des Schwans, dem Schwan, früher jedoch schwach: „des Schwanen, dem Schwanen“. Deshalb handelt es sich bei dem Einschub -en- um kein Fugenzeichen, sondern um eine historische Flexionsendung. Wir finden die jetzt unübliche Form mit -en noch an alten Gasthäusern als „Zum Schwanen“ oder „Zum Hirschen“, umgangssprachlich auch ohne „zum“: Der Gemeinderat tagt im „Hirschen“.

Der Verfasser, 72, ist „Hamburgisch"-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung