Meinung
Deutschstunde

Deutsch oder deutsch, das ist hier die Frage

Was sprechen wir? Wie sprechen wir? Die Groß- und Kleinschreibung bei der Bezeichnung einer Sprache ist ein bisschen verzwickt

Heißt es eigentlich: Meine Freunde aus London sprechen Deutsch oder deutsch? Groß oder klein? Das kommt darauf an, ob die Sprache an sich (Frage: was?) gemeint ist oder die Sprache, die in diesem Augenblick benutzt wird (Frage: wie?). Sie sprechen Deutsch bedeutet, sie verstehen unsere deutsche Sprache (was?), trotzdem sprechen sie lieber englisch als deutsch (wie?).

Angela Merkel spricht Russisch, Wladimir Putin spricht Deutsch, sodass die beiden bei ihrem Treffen im Kreml abwechselnd deutsch und russisch miteinander sprachen. Da Putins Begleiter jedoch kein Wort Deutsch verstanden, unterhielt man sich meistens auf Russisch. Nanu, wo kommt das große "R" her, steckt hier doch ein Wie in der Aussage, ein Hinweis auf die Art und Weise des Sprechens?

Richtig, aber unsere Grammatik und Orthografie (Rechtschreibung) wären nun wirklich zu einfach, wären sie nicht mit vielerlei Ausnahmen gespickt. Nach den Präpositionen auf und in wird Deutsch immer großgeschrieben: Das Buch erscheint auf Deutsch, der Brief wurde in Deutsch verfasst. Das Schulfach "Deutsch" ist so wichtig, dass es immer groß erscheint: Morgen haben wir kein Deutsch (der Lehrer ist krank). In Deutsch hat sie eine Sechs (was sie aber tunlichst vermeiden sollte, denn ein bisschen Deutsch benötigt sie auch beim SMS-Tippen unter der Bank). Der jungen Dame müsste man einmal auf gut Deutsch (unverblümt, in aller Deutlichkeit) klarmachen, dass ein Duden für die Versetzung ungleich wichtiger sein kann als ein iPhone.

Groß schreibt man also die näher gekennzeichnete deutsche Sprache: Er spricht fließend Deutsch, sie lernt Deutsch, sein Deutsch ist akzentfrei. Verzwickt wird es allerdings, wenn wir auf eine Deutsch sprechende Französin treffen. In diesem Fall handelt es sich um eine Besucherin aus Paris, die die deutsche Sprache beherrscht, aber trotzdem französisch spricht. Geht es aber um eine deutsch sprechende Französin, so benutzt sie gerade unsere deutsche Sprache, und auch Oma in Rissen kann sie verstehen. So hängt die Völkerfreundschaft häufig von der banalen Frage ab, ob ein einzelner Buchstabe groß- oder kleingeschrieben wird.

Das "kleine" Wort "deutsch" ist ein Adjektiv (Eigenschaftswort), und Adjektive schreibt man klein: das deutsche Volk, die deutsche Presse, ein deutscher Dichter. Selbst so etwas Großes wie die deutsche Einheit mögen wir in unserem Herzen noch so groß schreiben, orthografisch wird sie nicht großgeschrieben.

Wenn Eigenschaftswörter allerdings zu Eigennamen werden, schreibt man sie groß. Deshalb wird aus der deutschen Einheit an dem Tag, an dem wir ihrer gedenken, der "Tag der Deutschen Einheit". Nach einem gewagten Sprung zum Vierbeiner treffen wir auf den Deutschen Schäferhund oder die Deutsche Dogge als Eigennamen überzüchteter Hunderassen, während ein einfacher deutscher Schäferhund ein unprämierter Beißer ist.

Eigennamen sind auch das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), die Deutsche Bahn oder der Deutsch-Französische Krieg (1870/71), Ausnahmen die Bank deutscher Länder und die Gesellschaft für deutsche Sprache. Das ist typisch deutsch (klein, wie?).

Übrigens kann man "Deutsch/deutsch" nicht nur großschreiben, sondern auch groß schreiben. Die Wortgruppen Adjektiv und Verb bzw. Partizip und Verb werden zusammengeschrieben, wenn das Adjektiv in einer Verbindung weder gesteigert noch erweitert werden kann wie bei "großschreiben".

Wir müssen also einen großen oder einen kleinen Anfangsbuchstaben setzen. In der Technik nennt man so etwas digital - es fließt Strom, oder es fließt kein Strom. Dazwischen gibt es nichts. Ein halber Großbuchstabe wäre orthografisch sinnlos. Ich kann meine Liebe zur Heimat aber groß schreiben, sehr groß schreiben, größer schreiben oder weniger groß schreiben als früher. Die Aussage wird also analog meines Gefühls gesteigert, erweitert oder zurückgenommen. In diesem Fall schreiben wir die Wortgruppe getrennt.

Ganz Spitzfindige könnten anmerken, man könne ein Wort auch jenseits von Gefühl und Vaterland groß oder größer schreiben, nämlich eine andere Schriftgröße wählen. Das hätte aber nichts mit der Rechtschreibung, sondern mit der Textverarbeitung zu tun.

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