Meinung
Leitartikel

Unser täglich Brot

Foto: Marcelo Hernandez

In Deutschland landen zu viele Lebensmittel im Müll. Dagegen kann jeder etwas tun

Die Älteren werden sich vielleicht noch erinnern, wie Mutter die Kinder mahnte: "Iss den Teller leer, denk an die armen Kinder in Afrika." Die Wahrheit, die in dieser Mahnung steckt, gilt heute mehr denn je.

Derzeit leben etwa sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt, fast jeder Siebte hungert - und wir essen nicht nur immer seltener die Teller leer, wir werfen so viele Lebensmittel in den Müll wie noch nie.

Das hat weniger damit zu tun, dass wir kein Herz hätten für Notleidende in dieser Welt. Bei aktuellen Hungersnöten sind wir gerne bereit, auch tiefer ins Portemonnaie zu greifen als früher. Das belegen nicht nur die vielen Millionen, die derzeit etwa für die Opfer der furchtbaren Katastrophen in Somalia und Kenia gespendet werden.

Eine Wahrheit ist, dass viele Lebensmittel schon vernichtet werden, bevor sie in die Supermarktregale oder auf dem Teller der Verbraucher landen, zum Beispiel weil Gurken zu krumm, Kartoffeln zu klein sind oder Möhren zwei Wurzeln haben. Egal, wie gut sie schmecken. Wir kaufen nach Schönheit ein; Bürokratenwahnsinn und Regelungswut in den EU-Stuben leisten dem noch Vorschub.

Eine andere Wahrheit, und das ist die eigentlich viel schlimmere Erkenntnis, ist, dass wir offenbar den Respekt vor dem, was die Natur uns bietet, verloren haben. Oder vor dem, was der liebe Gott, so einer an ihn glaubt, uns geschenkt hat. Das kann nicht nur daran liegen, dass Lebensmittel immer preiswerter werden. Heute geben wir im Durchschnitt nur zehn Prozent unseres Einkommens für Essen aus, Anfang der Siebzigerjahre waren es noch 40 Prozent. Zu Zeiten, als die Mutter uns mahnte, den Teller leer zu essen, waren es über 50 Prozent.

Ist etwa das, was weniger kostet, auch weniger wert? Wert, weggeworfen zu werden - und das in Zeiten, in denen Geiz angeblich geil ist. In denen wir zum Beispiel Stunden damit verbringen, um einen Stromanbieter zu finden, bei dem uns die Elektrizität 50 Euro im Jahr weniger kostet, aber die deutsche Durchschnittsfamilie jedes Jahr nach Berechnungen von Experten Lebensmittel im Wert von rund 400 Euro in den Müll wirft. Und das auch noch möglichst korrekt in die Biotonne.

Jeder kann selbst etwas dagegen tun, etwa sein Einkaufsverhalten ändern. Wer einmal die Woche beim Discounter vorfährt und sich den Kofferraum vollpackt, muss sich nicht wundern, wenn er letztlich den Überblick darüber verliert, was er davon in der kommenden Woche wirklich braucht. Für die vielen Singles in Deutschland hat der Handel noch immer zu viele Familienpackungen im Angebot.

Ist es nicht schon Wahnsinn, so hat es auch noch Methode: In Deutschland wird in Bäckereiketten und Supermärkten jeden Abend so viel Brot weggeworfen, dass die Menschen in Niedersachsen davon satt werden könnten. Und das nur, weil am nächsten Morgen wieder frisches Brot die Verbraucher anlocken soll. Und weil Verbraucher nur das Frischeste vom Frischen haben wollen, ist man schon auf die Idee gekommen, zerkleinertes Brot den Holzpellets beizumischen. Es hat nämlich etwa den gleichen Heizwert.

Da ist es schon mehr als tröstlich und eine wirkliche tolle Sache, dass in Deutschland über 800 sogenannte Tafeln einwandfreie Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden, bei Händlern und Restaurants einsammeln und damit rund eine Million Menschen in Tagesheimen oder Obdachlosenunterkünften versorgen.

Wir Deutschen kümmern uns gerne ums große Ganze - den Frieden in der Welt etwa oder den globalen Klimawandel. Das ist auch gut so, aber vielleicht kümmern wir uns auch mal darum, wie wir mit dem Naheliegendsten umgehen: unserem täglich Brot.