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Markus Lanz: Ist der Moderator eigentlich ein Journalist?

| Lesedauer: 10 Minuten
Lars Haider
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Ein Hit hat Markus Lanz' journalistische Karriere verändert. Doch ist der Moderator überhaupt ein Journalist oder doch ein Unterhalter?

Hamburg. Im Frühjahr 2022 klingelte bei Markus Lanz das Telefon. Ein bekannter Medienmacher war dran, der den Moderator fragte, ob er noch irgendeine schriftliche Bestätigung über sein Volontariat habe, so heißt die Ausbildung zum Redakteur, und ob er ihm die einmal zuschicken lassen könnte. Es käme nämlich bei der Vergabe von Journalistenpreisen, wenn der Name Markus Lanz falle, immer wieder die Frage auf, ob der denn überhaupt eine journalistische Ausbildung habe.

Markus Lanz: Ist er eigentlich ein Journalist?

Das klingt skurril und wäre in etwa so, als würde man dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags Mathias Döpfner unterstellen, dass er gar kein richtiger Vorstandsvorsitzender ist, weil er schließlich „nur“ Musik studiert hat. Aber es ist, was Lanz betrifft, die Wahrheit.

Regelmäßig wird er von Menschen, die seine Entwicklung aufmerksam verfolgt haben, für einen Journalistenpreis vorgeschlagen und genauso regelmäßig lehnen andere Menschen, die in den entsprechenden Jurys sitzen, mit den Hinweisen ab, dass es sich erstens „hier um eine seriöse Veranstaltung“ handele und dass Lanz zweitens doch gar kein Journalist sei.

Wer das behauptet, dürfte seine Sendungen lange nicht gesehen oder ein interessantes Verständnis von Unterhaltungsfernsehen haben. Natürlich ist Markus Lanz nach wie vor nicht langweilig, aber das sind das "heute journal" und die "Tagesthemen" schließlich auch nicht und trotzdem käme niemand auf die Idee, sie dem Showbereich zuzuordnen. Dort gehört die Gesprächsreihe nicht mehr hin, auch wenn das längst nicht jede oder jeder gemerkt hat oder merken will.

Böhmermann: "Sind beide keine klassischen Journalisten"

Jan Böhmermann, der Satiriker, der in seinem ZDF Magazin Royale in den vergangenen Jahren zunehmend journalistischer, manchmal sogar aufklärerisch geworden ist, gehört eher in die zweite Kategorie. Zumindest sprach er Markus Lanz bei der Diskussion in der Hamburger St. Michaeliskirche, von der bereits die Rede war, auf eine vermeintliche Gemeinsamkeit an.

„Wir sind beide aus Unterhaltung, machen wir uns mal nichts vor, wir sind keine Leute, die klassisch im Handwerksraster von Journalismus groß geworden sind, wir sind quasi über den Schleichweg Unterhaltung an diese Themen herangeraten“, sagte Böhmermann. Lanz erwiderte, dass seine Arbeit schon eine andere als die des Kollegen sei.

Doch der blieb im weiteren Verlauf des Gesprächs dabei: „Wir kommen beide aus der Unterhaltung und wir sind beide keine klassischen Journalisten.“ „Das sagst du so“, sagte Lanz dann und man merkte, wie ihn dieser Satz traf, weil er ihn so oft gehört hat, weil er jedes Mal wie ein Vorwurf klingt und weil er nicht stimmt.

Lanz fing leicht an zu stottern, als er ergänzte: „Ich, ich, ich habe ein ganz normales Volontariat durchlaufen. Ich will nur sagen, das steht immer so im Raum. Ich komme eigentlich gar nicht aus der Unterhaltung.“ Und Markus Lanz wollte dort eigentlich auch nicht hin.

Die berufliche Laufbahn des Moderators Lanz

Wenig in Biografien und Porträts ist so langweilig wie die Aufzählung von beruflichen Stationen, die man heute sowieso überall finden kann, zum Beispiel auf der Internetseite des ZDF. Dort steht, dass Lanz „nach dem Besuch einer humanistischen Klosterschule am Kloster Neustift in Südtirol“ 1988 das Abitur machte, danach seinen Wehrdienst beim italienischen Militär als Funker und Gebirgsjäger ableistete, nebenbei bei dem privaten Hörfunksender Radio Holiday arbeitete und schließlich, genauer gesagt 1991/92, an der Bayerischen Akademie der Werbung in München eine Ausbildung zum Kommunikationswirt begann.

Danach folgte das Volontariat bei Radio Hamburg, dem größten Privatsender der Stadt, und ab 1995 die Arbeit für RTL, „wo er zunächst die Nachrichten moderierte“, bevor es über die Sendung "Guten Abend RTL" zu "Explosiv" und "Explosiv Weekend" ging.

Wer glaubt, damit alles über die journalistischen Anfänge von Markus Lanz zu wissen, irrt genau wie der, der in diesem Lebenslauf einen stringenten Weg in die Welt der Medien sieht. Es war vieles ganz anders und auf jeden Fall deutlich spannender, als es die Stichworte auf der ZDF-Internetseite vermuten lassen.

Die wichtigste Information, dieser eine Moment, der die Richtung der Karriere von Markus Lanz entscheidend veränderte, fehlt sowieso. Dabei ist diese Geschichte vielleicht die schönste, verrückteste in einem Leben, das an schönen und verrückten nicht gerade arm ist.

Lanz: Dieser Moment veränderte seine Karriere

Eigentlich wollte Lanz Musikproduzent werden, wie der Südtiroler Giorgio Moroder. Er hat sich früh für Musik interessiert, lernte Akkordeon, kann sehr gut Klavier spielen und hat früher in seiner Sendung Künstler wie Sasha oder Lang Lang begleitet, er ist sogar gemeinsam mit Robbie Williams aufgetreten. Und er hat einen Hit geschrieben, eine Single, die sich 12.000-mal verkauft hat und die auch das Ende seiner Karriere hätte bedeuten können, bevor sie richtig angefangen hatte.

Die Geschichte spielt 1995, es war das Jahr, in dem der französische Präsident Jacques Chirac weltweit für Empörung und Verachtung sorgte, als er auf dem Atoll Mururoa in Französisch- Polynesien Atomwaffen testen ließ. Wütende Proteste waren die Folge, die in dem Slogan „Fuck Chirac“ gipfelten.

Markus Lanz, der damals Volontär bei Radio Hamburg war, machte daraus mit seinen Kollegen Stefan Heller und Marzel Becker unter dem Namen „Le Camembert radioactif“ einen Synthiepop-Song. „F… Chirac!“ findet man bis heute im Internet, der Titel hat etwas von „Modern Talking“ in lustig und wahrscheinlich hätten alle darüber gelacht, wenn Heller, Becker und Lanz nicht auf die Idee gekommen wären, ihr Schmählied auf den französischen Präsidenten ins Programm des eigenen Senders zu schmuggeln.

Dort hörte ihn einer der Eigentümer von Radio Hamburg und war entsetzt. Wie konnte so etwas denn passieren, wer war dafür verantwortlich? Ein Name und damit ein Schuldiger musste her und das war Markus Lanz, ein netter, charmanter und talentierter Volontär, der wegen eines Songs, für den er heute in den sozialen Medien gefeiert werden würde, dran glauben musste.

Markus Lanz: So kam er zum Fernsehen

Bei Radio Hamburg steckte man damals in einem Dilemma. Einerseits musste jemand für „F… Chirac!“ büßen (und Marzel Becker erzählte später, dass Lanz schon vorher zwei Abmahnungen erhalten habe), andererseits wollte man dem jungen Mann aus Südtirol seine berufliche Zukunft nicht verbauen.

Der Geschäftsführer des Senders erinnerte sich an Klaus Ebert, den Chef des Fernsehsenders RTL Nord, der Radio Hamburg einige Talente weggeschnappt hatte. Deswegen hatte es zwischen den beiden Privatmedien Verstimmungen gegeben, bis man zu der Erkenntnis gelangt war, dass man vielleicht nicht gegen-, sondern mehr miteinander arbeiten sollte.

Nun war dieser Moment gekommen. Der Radio-Chef rief bei seinem Kollegen vom Fernsehen an, warb für den begabten Jungen, der leider aus bestimmten Gründen sein Volontariat nicht zu Ende machen könne, und fragte, ob Klaus Ebert sich den mal ansehen würde, ganz unverbindlich. Ebert konnte und schuf damit die Voraussetzungen für eine besondere Karriere (und damit irgendwie auch für dieses Buch).

Man wäre gern dabei gewesen, als der junge Markus Lanz sich bei Klaus Ebert vorstellte, der damals den Ruf hat, einen guten Blick für Leute zu haben, die ins Fernsehen passen, und der als Vorgesetzter so geachtet wie gefürchtet war.

Wenn man, wie ich, als Volontär auf einer Zwischenstation zu RTL Nord kam, erhielt man von den Redakteurinnen und Redakteuren dort genaue Anweisungen, wie man sich zu verhalten hatte, wenn der Chef anwesend war. Regel Nummer eins: nicht ansprechen. Regel Nummer zwei: nicht aufspielen. Regel Nummer drei: nicht duzen.

Klaus Ebert sah Talent im jungen Lanz

Markus Lanz kannte diese Regeln nicht, wahrscheinlich wären sie ihm, siehe „F… Chirac!“, auch egal gewesen. Er sei damals in die Redaktion hereinspaziert, als sei es selbstverständlich, dass er seine journalistische Ausbildung nun beim Fernsehen fortsetzen würde, er trat sehr selbstbewusst auf und duzte Klaus Ebert gleich beim ersten Treffen.

Geschadet hat ihm das bekanntermaßen nicht. Der neue Vorgesetzte erkannte nicht nur Lanz’ Talent, er spürte auch, dass der junge Mann den großen Aufriss nur machte, um seine Unsicherheit zu überspielen. Markus Lanz bekam sein zweites Volontariat.

Klaus Ebert gehört zu den Menschen, denen ich am meisten zu verdanken habe“, sagt Lanz. Dass sie sich so gut verstanden, liegt auch daran, dass Ebert sich in seinen Schützling hineinfühlen konnte. Die beiden sind sich allein deshalb ähnlich, weil sie allzu große Nähe schwer zulassen können und weil sie am Ende, so paradox das für zwei Fernsehmenschen klingen mag, nicht gern im Mittelpunkt stehen.

Ohne Jacques Chirac wäre Markus Lanz nicht zum Fernsehen und ohne Klaus Ebert dort nicht weitergekommen. Und hätte Lanz nicht die Abbiegung zum Boulevard genommen, zu "Explosiv" und "Explosiv Weekend", wo er 2003 auch Redaktionsleiter wurde, würde heute niemand, nicht einmal Jan Böhmermann, infrage stellen, dass er ein Journalist ist.

Wenn Lanz irgendwo gebeten wird, seinen Beruf anzugeben, zum Beispiel in einem Hotel, sagt oder schreibt er deshalb auch immer genau das: Journalist. „Mit dem Begriff des Moderators konnte ich noch nie etwas anfangen“, sagt er. Das sei etwas, für das man von jemand anders vorgeschlagen und das einem eines Tages wieder weggenommen werde. Journalist beziehungsweise Redakteur, denn das ist Lanz’ genaue Berufsbezeichnung, bleibt man ein Leben lang. (fmg)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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