Talkshow

Warum die ARD mit „Maischberger. Vor Ort“ viel richtig macht

Sandra Maischberger bei "Maischberger. Vor Ort" in Thüringen.

Sandra Maischberger bei "Maischberger. Vor Ort" in Thüringen.

Foto: WDR/Max Kohr

Maischberger suchte den Dialog mit Thüringer Zuschauern – ein gutes Konzept. Wenig Niveau hatten nur die Thesen des AfD-Chefs.

Berlin. Sandra Maischberger hatte eine Idee: Nachdem so ziemlich jeder, wie sind fand, in den vergangenen Wochen etwas zu den Turbulenzen im Thüringer Parlament gesagt hatte, fehlte aber doch noch jemand: der Bürger. Mit der Sendung „Maischberger. Vor Ort“ wollte Sandra Maischberger die politische Debatte „zu den Menschen in die Regionen“ bringen.

Im „Palmenhaus“ in Erfurt saßen die Gäste am Mittwochabend und hatten den Fragen des Publikums, delegiert von Moderatorin Maischberger, Rede und Antwort zu stehen. Dabei ging es zwar in weiten Teilen um Thüringen, aber die Debatte wurde schnell grundsätzlicher Natur. Das klappte in mancher Hinsicht gut, andererseits: Auch diesem Format gelingt kein wirklich kritischer Umgang mit Positionen der AfD.

„Maischberger. Vor Ort“ – das waren die Gäste am Mittwochabend:

  • Katja Kipping (Die Linke), Parteivorsitzende
  • Tino Chrupalla (AfD), Parteivorsitzender
  • Mario Voigt (CDU), Fraktionsvorsitzender Thüringen
  • André Brodocz, Politikwissenschaftler

Die Sendung hatte bereits im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Der Erfurter Muslim Mohammad Suleman Malik, Sprecher der dortigen Ahmadiyya-Gemeinde, beschwerte sich, von Maischberger erst ein- und dann wieder ausgeladen worden zu sein. Stattdessen habe sich die Redaktion dann für AfD-Chef Tino Chrupalla entschieden.

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Thema Rassismus: ARD lässt AfD reden, Betroffene nicht

Angesichts der nach dem rechtsextremen Anschlag von Hanau vielfach geäußerten Forderung, mehr die Betroffenen von Rassismus sprechen zu lassen, war diese Entscheidung der Redaktion nur schwer nachzuvollziehen. Doch Sandra Maischberger verteidigte die Entscheidung und sieht es auch nicht als problematisch an, wenn AfD-Politiker mittlerweile regelmäßig Gast in Talkshows sind: „Vertreter der AfD generell nicht mehr einladen zu wollen, lässt sich in unserer Demokratie nicht begründen“, argumentierte Sandra Maischberger vor der Sendung.

Angesichts dessen, was Chrupalla dann in der Sendung so alles erzählen konnte, ließe sich das aber ziemlich gut begründen: Ein ums andere Mal stellte Chrupalla seine Partei als Verteidigerin der Mitte der Gesellschaft heraus. Sogar der Thüringer CDU-Fraktionschef Mario Voigt kam irgendwann nicht mehr hinterher, jedes Mal zu widersprechen. Chrupalla bemühte die Stilisierung der AfD als ausgegrenztem Opfer der anderen Parteien, nebenbei nannte er Claudia Roth noch schnell „Deutschlandhasserin“. So weit, so plump.

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AfD-Chef Chrupalla liefert perfide Verharmlosung

Doch da war auch ein kleiner Satz, der fast unbemerkt blieb, aber viel veranschaulicht: Chrupalla zählte den rechtsextremen – politisch motivierten – Terrorakt von Hanau in einem Satz mit dem Amoklauf von Winnenden auf – Irre habe es ja schon vor der AfD gegeben. Ob, und wenn ja, wo der Zusammenhang besteht, sah Chrupalla nicht als erklärungsbedürftig an, weil er direkt zur nächsten Attacke auf die anderen Gäste überging. Es sind immer diese kleinen, im Kern perfiden Relativierungen der AfD von eigener Verantwortung für rechte Taten, die bei solchen Diskussionen unwidersprochen bleiben.

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Kipping gibt beim Thema DDR ungewöhnliche Antwort

Glücklicherweise drehte sich die Sendung nicht einzig um die AfD, auch die Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping hatte den Bürgern manches zu erklären – vor allem, wie ihre Partei nun zur DDR steht. Das war insofern eine spannende Episode, weil im Publikum zwei ältere Menschen hintereinander saßen. Der eine hat unter dem DDR-Regime gelitten, die andere erzählt, dass sie ein gutes Leben in der DDR hatte.

„Warum tun Sie sich so schwer, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen?“, wollte der Herr wissen. Kipping druckste erst ein wenig herum, am Ende gab sie eine für Politiker dann doch ganz ungewöhnliche Antwort ab, die wohl auch dem Format gedankt ist: „Ich bin da bei mir selbst noch in einem Denkprozess.“

Sehr ehrlich, aber auch sehr bezeichnend: In den neuen Bundesländern ist das eine Diskussion, die 30 Jahre nach der Wende noch aktuell ist.

Das Fazit

Einmal abgesehen von der Frage um AfD-Vertreter in Talkshows – die Gäste gaben sich merkbar Mühe, emphatisch zu wirken und nicht nur platt die üblichen Phrasen zu dreschen. Hinzu: Alle Gäste versuchten tatsächlich, sich bei ihren Antworten kurz zu halten und den anderen Gästen nicht durchgehend ins Wort zu fallen. Das hat sonst Seltenheitswert.

Zudem hatten annähernd alle Fragen des Publikums Substanz, waren spürbar von wirklichem Erkenntnisinteresse geprägt und nötigten die Gäste, sich klar zu positionieren. Und durch die Nähe zur fragestellenden Runde wurde mit der Sendung auch gleich deren Reaktion auf die Antworten – vom höhnischen Lachen bis zum zustimmenden Beifall – unmittelbar sicht- und hörbar.

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