TV-Talk

„Hart aber Fair“: Plasberg wurde die Diskussion zu hitzig

Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

Beschreibung anzeigen

Bei Plasberg wird über die dramatische Lage an der griechisch-türkischen Grenze diskutiert. Ein Bild-Journalist vergreift sich im Ton.

Berlin. Es ist nicht mal einen Monat her, seit nach dem rassistischen Anschlag von Hanau von allen Seiten eins zu hören war: Aus Worten werden Taten. Politiker wie Medien warnten vor einer Verrohung der Sprache, die zu einem gesellschaftlichen Klima führen könne, das Gewalt gegen Minderheiten einen Raum gibt, in dem der Hass grassiert.

Bei „Hart aber Fair“ schien ein Gast davon völlig unbeeindruckt und schockte die Runde. Zwar war die Diskussionsfrage deutlich kontroverser als das aktuelle Dauerthema Coronavirus. Doch eigentlich hätte man im Jahr 2020 auch darauf hoffen können, dass eine Debatte zum „Fluchtziel Europa“ und den Lehren aus 2015 nicht dazu führt, dass im Ersten ein Talkshow-Gast gegen Flüchtlinge hetzt.

„Hart aber Fair“ zur Flüchtlingsproblematik: „Das ist barbarisch“

Die Bilder von der griechisch-türkischen Grenze haben in den vergangenen Tagen viele verstört: Rettungsboote, auf die geschossen wird. Kinder, die nach einem Tränengasangriff weinen. „Was da passiert, ist barbarisch. Wir in Europa verhalten uns gerade so, wie wir es anderen immer zum Vorwurf machen“, findet Kabarettist Florian Schroeder, der seit neuestem durch die politischen Talkshows des deutschen Fernsehens tingelt.

Schröder erzählt, sich vor der Sendung noch einmal mit den aktuellen Zahlen zur Integration auseinandergesetzt zu haben. Die sollten Deutschland eigentlich Mut machen, noch einmal Asylsuchende aufzunehmen. Die große Mehrheit hätte Deutschkurse absolviert und arbeite nun. „Merkels Satz ‚Wir schaffen das‘ hat sich bewahrheitet“, sagt der Kabarettist und Moderator.

Göring-Eckhardt: Chaos und Gewalt an der griechischem Grenze beenden

Für die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckhardt geht es nun vor allem darum, dem Chaos und der Gewalt am Grenzfluss Evros ein Ende zu bereiten. Dazu müsse man Griechenland auch finanziell unter die Arme greifen und einen Teil besonders Schutzbedürftiger aus den Flüchtlingslagern nach Deutschland holen.

Ein entsprechender Antrag der Grünen, demzufolge Deutschland 5000 unbegleitete Kinder, Schwangere, alleinreisende Frauen oder schwer Traumatisierte aus den griechischen Flüchtlingslagern aufnehmen sollte und die griechischen Behörden humanitär und auch finanziell unterstützt werden sollten, wurde am vergangenen Mittwoch im Bundestag nicht angenommen.

„Marodierende Horden“: Journalist vergreift sich bei „Hart aber Fair“ im Ton

Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass das politische Klima keine Wiederholung der erklärten Willkommenskultur erlaubt. Zwar befürwortet eine Mehrheit der Deutschen laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen die weitere Aufnahme von Flüchtlingen – die CDU kann sich jedoch keine Stimmenabwanderung zur AfD leisten.

Zu diesem Klima trägt auch Ralf Schuler bei. Der Leiter der Parlamentsredaktion der „Bild“ erkennt die genannte Statistik nicht als unabhängig an, das seien ja „ihre Umfragen“ sagt er zu Göring-Eckhardt gewandt. Er spricht davon, dass es die Deutschen sorge, dass Großfamilien eben nicht mehr Müller oder Meier hießen. Der Journalist bezeichnet die Flüchtlinge an der europäischen Grenze in Griechenland als „marodierende Horden“.

Kabarettist Schroeder: „Wir erleben Kontrollverlust in der Sprache, die wir benutzen“

Das geht der Runde entschieden zu weit. Göring-Eckhardt wirft Schuler „Stimmungsmache“ vor und Schroeder macht seinem Ärger noch deutlicher Luft: „Ich bin von der ganzen Sprache in dieser Diskussion schockiert, auch mit welch einer Selbstverständlichkeit Sie hier von ‚marodierenden Horden‘ sprechen. Wir reden hier über Menschen, die in höchster Not sind und sprechen über sie wie Ungeziefer.“ Dafür erntet er viel Applaus.

Der Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei
Der Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei

„Was wir heute im Gegensatz zu 2015 erleben, ist ein Kontrollverlust in den Bilder und der Sprache, die wir benutzen“, stellt der Kabarettist fest. Schuler weiß sich nicht anders zu helfen, als mit einer Beleidigung zu reagieren: „Sie betätigen sich hier gerade als nützlicher Idiot für Erdogan“, meint der „Bild“-Journalist. Dass das wenig mit Schroeders erhobenem Sprach-Zeigefinger zu tun hat, scheint ihm nicht bewusst.

„Hart aber Fair“: Plasberg ruft zur sprachlichen Abrüstung auf

„Merken Sie eigentlich gar nicht, wie Sie mit Ihrer Sprache Unmenschlichkeit salonfähig machen“, hakt dieser noch einmal bei Schuler nach, „ich weiß nicht, ob Sie es absichtlich machen, dann ist das einfach entsetzlich und bitter, oder ob Sie es nicht merken, und das ist dann einfach doof.“ Hier greift Plasberg nun ein und bittet die Runde um „sprachliche Abrüstung“. Schuler und Schröder hätten sich sonst wohl noch den Rest der Sendung Beleidigungen an den Kopf geworfen.

Dass es auch machbar ist, die Meinung, Europas Grenzen müssten geschlossen bleiben, sachlich und begründet zu vertreten, beweist übrigens Serap Güler (CDU) in der Sendung. Die Politikerin spricht sich für eine kontrollierte Aufnahme von Flüchtlingen aus – und fordert mehr Unterstützung für Griechenland: „Unser Fehler in den letzten Jahren war, dass wir zwar gesagt haben, 2015 darf sich nicht wiederholen. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass wir Griechenland bei dieser Herausforderung alleingelassen haben.“ Ruhige, überlegte Rhetorik macht im Politischen eben doch den Unterschied.

„Hart aber Fair“ – das waren die Gäste

  • Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag
  • Serap Güler, CDU-Politikerin und Staatssekretärin für Integration im NRW-Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, Mitglied des Bundesvorstands
  • Florian Schroeder, Kabarettist und Moderator
  • Ralf Schuler, Leiter der Parlamentsredaktion der „Bild“
  • Liza Pflaum, Mitinitiatorin der Bewegung „Seebrücke“

„Hart aber Fair“ – Mehr zum Thema:

Bereits seit 2001 moderiert Frank Plasberg die Talkshow „Hart aber Fair“. Anfang dieses Jahres musste er aber krankheitsbedingt aussetzen. Ersetzt wurde Plasberg in dieser Zeit bei „Hart aber Fair“ von Susan Link. Nach zwei Wochen Krankheit kehrte Frank Plasberg zu „Hart aber Fair“ zurück. Eine Woche später wurde sein TV-Talk quasi zum Klima-Talk mit vielen Problemen, aber keiner Lösung.