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Fall Relotius: Hamburger Professor enthüllt noch mehr

Der „Spiegel“ will Ende des Monats die Öffentlichkeit über die Ergebnisse einer internen Untersuchungskommission zum Fall Relotius informieren.

Der „Spiegel“ will Ende des Monats die Öffentlichkeit über die Ergebnisse einer internen Untersuchungskommission zum Fall Relotius informieren.

Foto: Morris MacMatzen / Getty Images

Kolumne Medienmacher: Wie NDR, Gruner +Jahr und eine Hochschule im Fall des betrügerischen "Spiegel"-Mannes agieren.

Hamburg. Man kann nicht behaupten, dass die Aufklärung der Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius, der 55 Artikel komplett oder in Teilen fälschte, in Rekordtempo vonstatten geht.

Wenn das Nachrichtenmagazin Ende dieses Monats die Öffentlichkeit über die Ergebnisse einer internen Untersuchungskommission zu dem Fall informieren wird, werden mehr als sechs Monate ins Land gegangen sein, seit „Spiegel“-Reporter Juan Moreno im November 2018 das Gesellschaftsressort des Blattes, für das Relotius tätig war, mit massiven Zweifeln an der Arbeitsweise des Kollegen konfrontierte.

Immerhin hat der „Spiegel“ sich um Aufklärung bemüht. Das kann man nicht von allen Institutionen behaupten, für die Relotius tätig war. Bevor er „Spiegel“-Redakteur wurde, arbeitete der Journalist frei für zahlreiche namhafte Blätter. Unter ihnen war auch die „Financial Times Deutschland (FTD)“. Das war bereits bekannt.

Gruner + Jahr überprüfte „FTD“-Stücke bisher nicht

Neu ist jedoch, dass Relotius dem Blatt zwischen 2010 und 2012 – damals war der heutige „Spiegel“-Chef Steffen Klusmann „FTD“-Chefredakteur – insgesamt zehn Artikel von höchst fragwürdiger Qualität verkaufte. Herausgefunden haben das Studierende des Studiengangs Journalistik der Universität Hamburg. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung wurden auf dem Fachportal Message Online veröffentlicht.

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Vorab sagt ihr Professor Volker Lilienthal, Relotius‘ „FTD“-Storys enthielten „mehr als nur Ungereimtheiten“. Der Hochschullehrer wirft ihm „mangelnde Sorgfalt“ vor. Er habe „vermutlich abgekupfert“. Bei einigen Stücken gäbe es gar „Indizien für Zudichtungen“.

Gruner + Jahr, der Verlag in dem die Ende 2012 eingestellte Wirtschaftszeitung erschien, hat die „FTD“-Stücke des Fälschers bisher nicht überprüft. Ein Sprecher sagt, man habe nach Bekanntwerden des Skandals geschaut, ob Relotius als Autor für einen der Titel des Hauses gearbeitet habe.

Relotius arbeitete auch für Auslandsmagazin „Weltbilder“

Bei der seit gut sechs Jahre nicht mehr erscheinenden „FTD“ habe man das nicht getan. Diese Aussage überrascht, denn wie gesagt: Es war bekannt, dass Relotius „FTD“-Autor war. Unmittelbar nachdem der „Spiegel“ seinen Fall publik machte, schrieb dpa, dass Relotius auch auch für die „FTD“ gearbeitet hatte – eine Meldung, die viele Medien übernahmen. Sogar in Relotius‘ Wikipedia-Eintrag steht, dass er für die „FTD“ schrieb.

Bis vor kurzem waren Relotius’ „FTD“-Beiträge online noch abrufbar. Nun sagt der G+J-Sprecher: „Ich bin für den Hinweis sehr dankbar, wir haben die Artikel in unserem Archiv umgehend gesperrt, bis klar ist, ob es in den Artikeln Unstimmigkeiten gab oder nicht.“ Allerdings hat die Datenbank Genios Relotius‘ Reportage „Beat über Bethlehem“ über den „einzigen Tanzclub … im Westjordanland“ zum Preis von 3,21 Euro nach wie vor im Angebot.

Dass auch das NDR Fernsehen Relotius mindestens eine Reportage abnahm, war bisher dagegen so gut wie unbekannt. Das Stück über in Spanien gestrandete Schwarzafrikaner lief 2012 im Auslandsmagazin „Weltbilder“ und war nach Angaben von Lilienthal sauber. Das kann dran gelegen haben, dass der Fälscher eine Co-Autorin hatte.

HMS will schriftlichen Teil von Masterarbeit nicht veröffentlichen

Die Reportage namens „Luftschloss Europa“ entstand im Rahmen von Relotius’ Masterarbeit an der Hamburg Media School (HMS). Deren schriftlichen Teil wollte die HMS den Autoren der Studie nicht zur Verfügung stellen. Ihre Geschäftsführerin Katharina Schaefer sagt, persönliche Daten von Absolventen veröffentliche man nur mit deren Einwilligung. Sie verneint die Frage, ob sie Relotius in der Sache kontaktiert habe. Zu ihm gebe es keinen Kontakt.

Dabei ließe der sich herstellen: Es ist kein Geheimnis, dass der Hamburger Anwalt Michael Philippi Relotius vertritt. Für Lilienthal, der zufällig auch stellvertretendes Mitglied des gemeinsamen Ausschusses von HMS und der Universität Hamburg ist, relativiert sich das Datenschutz-Argument im Fall Relotius. Denn bei der Affäre handele es sich um eine Sache von „öffentlichem Interesse“.

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Diese Kolumne pausiert urlaubsbedingt. Ihre nächste Ausgabe erscheint am 7. Juni.