Erfolgsserie

Riesenandrang für „Babylon Berlin“ – Casting abgebrochen

Teilnehmer des Castings für Dreharbeiten zur TV-Serie „Babylon Berlin“ stehen in einer Warteschlange.

Teilnehmer des Castings für Dreharbeiten zur TV-Serie „Babylon Berlin“ stehen in einer Warteschlange.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ geht weiter und die Macher suchen 500 Komparsen. Bei einem Casting dafür kamen über 3000 Menschen.

Bonn.  Francesco Resta wird heute H1076. „Ich weiß noch nicht, was ich werden will, wenn ich mal groß bin“, sagt der in Essen lebende Italiener. Francesco ist 59 Jahre alt. Eventuell wird er in wenigen Wochen Henker, Gangster oder ein einfacher Kneipengast. Und zwar in der ARD-Erfolgsserie „Babylon Berlin“ – als Komparse. Dafür ist er heute da.

Als Francesco die Treppen des Brückenforums in Bonn hinaufsteigt, bekommt er einen Zettel in die Hand gedrückt. Es ist ein Formular, das er ausfüllen muss. Viele persönliche Daten soll Francesco angeben. Tätowierungen? Piercings? Hat er nicht. Raucher? Ja. Beim Casting wird jeder mögliche Kandidat für eine der 500 Komparsenrolle gläsern. Den Bart abschneiden? Eine Glatze rasieren? Vor der Kamera leidenschaftlich küssen? Wer seine Chancen steigern will, genommen zu werden, muss zu vielem bereit sind.

Francesco ist nicht allein. Weit mehr als 3000 Menschen kamen am Samstag nach Bonn. Die Besucherschlangen führen um ganze Wohnblöcke herum, viele hunderte Meter lang. Verkehrschaos auf den engen Straßen am Rheinufer inklusive. Burkhard Eick, der Chef der verantwortlichen Agentur Eick, wird später sagen, die Schlange sei sogar drei Kilometer lang gewesen.

„Babylon Berlin“ wurde viel in Nordrhein-Westfalen gedreht

Um 12.15 Uhr müssen die Organisatoren handeln. Draußen stehen zu viele Leute. Sie können nicht garantieren, dass jeder noch an der Reihe sein wird. Zu diesem Zeitpunkt soll das Casting eigentlich noch fast vier Stunden dauern. Es muss frühzeitig beendet werden.

„Es ist vor allem die Faszination an dieser Serie“, antwortet Agentur-Mitinhaber Gregor Weber auf die Frage, warum das Casting die Massen anziehe. Die 16 Episoden der deutsche Produktion sahen im vergangenen Jahr mehrere Millionen Menschen in der ARD. Es wollte für das Casting sogar extra jemand aus New York nach Bonn kommen, sagt Weber.

„Ich finde die Zeit, in der die Serie spielt, einfach sehr spannend“, sagt Carola Lübbe aus Düsseldorf, die mit ihrer Freundin Simona Imhausen nach Bonn gekommen ist. Ihre Frisur ähnelt der Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries und ihrer Rolle der Charlotte Schneider. In der Tat, die 1920er Jahre waren aufregend. Nicht unbedingt positiv. Umbruch des politischen Systems, von der Monarchie zur Weimarer Republik. Straßenschlachten und Morde. Aber auch gesellschaftlicher Aufbruch. Wirtschaftsaufschwung, exzessives Nachtleben, Blütezeit der Kultur. In dieser Phase der Geschichte spielt „Babylon Berlin“.

Und es steckt eine Menge Nordrhein-Westfalen in der Serie. Gedreht wurden Staffel eins und zwei in Essen und Duisburg. Für Staffel drei sind Köln, Bonn, Düren, Solingen und Krefeld geplant. Zunächst hatte es geheißen: „Babylon Berlin“ wird wieder gedreht – an geheimen Orten. Die sind nun aber doch bekannt geworden.

Menschen jeden Alters können mitmachen

Während sich die Leute draußen die Füße in den Bauch stehen, hat Francesco es fast geschafft. Mit dem ausgefüllten Zettel schlängelt er sich an den anderen Kandidaten vorbei. Das Formular muss er abgeben, dann geht es weiter zu den Fotokameras. Was er in der Serie spielen könnte? „Ich habe keine Erfahrungen, nur mein Gesicht. Einen Lehrer vielleicht?“ Francesco ist sehr modisch gekleidet: Krawatte, Weste, Schiebermütze. Dazu ein grauer Bart. Bekommt er keine Rolle, kann man ihn perfekt auf das Cover eines Modemagazins drucken. Die Rolle des Lehrers würde man ihm auf jeden Fall abkaufen. Als kluger Professor wäre er wohl noch geeigneter.

Rund um Francesco tummeln sich Menschen aller Altersklassen. Jeder kann mitmachen, für jeden gibt es eine potenzielle Rolle. Dabei haben die Organisatoren extra Menschen angesprochen, deren Körper auffallen, etwa aufgrund fehlender Gliedmaßen. Sie könnten beispielsweise Versehrte aus dem Ersten Weltkrieg spielen. Auch ein Kleinwüchsiger aus Leipzig sei für das Casting quer durch das Land gereist, wie Mitinhaber Weber berichtet.

Francesco muss noch eine Station absolvieren. Ein Foto für die Kartei. Er hält einen Zettel auf Brusthöhe und visiert das Objektiv einer Kamera an. „Wie im Gefängnis“, sagt der Essener später und lacht. „Ich habe mich heute sehr amüsiert.“ Von Babylon Berlin hat er übrigens laut eigener Aussage „nicht eine Sekunde gesehen“. Aber er liebt das Kino.

Dann macht es „Klick“. Francesco ist jetzt H1076.

Dieser Text zuerst erschienen auf www.waz.de.