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Dokudrama: Der lange, mühsame Weg zum Frauenwahlrecht

Kampf für einen Wandel: Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst (Esther Schweins, l.) bringt ihrer Tochter Christabel (Anke Retzlaff) bei, sich zu behaupten.

Kampf für einen Wandel: Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst (Esther Schweins, l.) bringt ihrer Tochter Christabel (Anke Retzlaff) bei, sich zu behaupten.

Foto: Arte/Gebrüder Beetz Filmproduktion

„Die Hälfte der Welt gehört uns“ zeigt, wie vier Frauen um das Stimmrecht für alle ringen. Eine Arte-Doku mit universeller Gültigkeit.

Hamburg.  „Wir stehen auf den Schultern von Riesinnen“, sagt die Filmemacherin Annette Baumeister. Vier dieser Riesinnen stellt sie in ihrem Dokudrama „Die Hälfte der Welt gehört uns“ vor. Es sind vier Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft, die vor 100 Jahren ganz unterschiedliche Wege fanden, für das gleiche Ziel zu kämpfen: das Wahlrecht für Frauen.

Sie sind die Rebellinnen einer Revolution, die sich ihrer Überzeugung nach vielleicht verschieben, aber niemals aufhalten lassen würde. Dafür wurden sie belächelt und verspottet, bestenfalls, aber auch verfolgt und gefoltert.

Die Heldinnen werden in Spielszenen zum Leben erweckt, die nur fein dosiert von historischen Aufnahmen unterbrochen werden. Da ist einmal die Französin Marguerite Durand (Jeanette Hain), die so gar nicht dem Bild der verhärmten Männerfeindin entsprechen will, das die Gegner der Frauenrechtlerinnen verbreiten.

Sie ist Schauspielerin, zu Hause in den Pariser Salons. „Bewundert werden will ich am Abend“, sagt sie. „Tagsüber will ich Respekt.“ Als Journalistin für den „Figaro“ lässt sie sich nicht auf seichte Themen festnageln. Schließlich kandidiert sie sogar für das Parlament.

Zitate bis heute gültig

Auch die „höhere Tochter“ Anita Augspurg (Johanna Gastdorf) steht vor einer vielversprechenden Karriere als Schauspielerin. Doch lieber studiert sie Jura und setzt sich nun für die Belange der Frauen ein.

Sie muss sich den Vorwurf anhören, dass sich nur diejenigen gegen Unterdrückung wehrten, die am wenigsten unterdrückt würden. „Die Frauenbewegung ist keine Freizeitbeschäftigung gelangweilter Damen der besseren Gesellschaft“, stellt sie klar.

Und nicht alle Frauenrechtlerinnen stammten aus den oberen Schichten. Marie Juchacz (Paula Hans) erlebt als Fabrikarbeiterin Ausbeutung und Misshandlung, lässt sich scheiden, geht mit ihren Kindern nach Berlin und spricht als erste Frau vor der Weimarer Nationalversammlung. Die radikalste unter den vorgestellten Frauen ist die Britin Emmeline Pankhurst.

Esther Schweins, vielen noch bekannt als Comedy-Lady aus „RTL Samstag Nacht“, lässt ihre Figur so verletzlich wie entschlossen, so zart wie zäh erscheinen. Es sind solche schauspielerischen Leistungen, die dafür sorgen, dass dieses Dokudrama nicht wie so viele andere wie eine Mischung aus Laientheater und Kostümfest wirkt. Zudem sind die Dialoge messerscharf geschliffen und die verwendeten Zitate von universeller Gültigkeit.

Gleiche Herausforderungen

Und das ist der Punkt: Zwar würden die Frauen von damals wohl staunen, wie viel sie erreicht haben. Sie würden aber auch feststellen, wie viele ihrer Probleme noch aktuell sind: die Verunglimpfung kämpferischer Frauen als „hysterische Weiber“, die ungleiche Bezahlung, die Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinen.

Die Frauen standen damals oft vor den gleichen Herausforderungen wie Frauen heute. Der Kampf geht also weiter. Und neue Fortschritte lassen sich weiterhin höchstens verschieben, aber niemals aufhalten.

Faszinierendes Dokudrama, das zeigt: Nur wer den Mund aufmacht, wird gehört.

Dienstag, 13. November 2018, 20.15 Uhr, Arte