Reality-Show

„Get the F*ck out of my House”: Wie sozial darf’s sein?

Einzug ins neue Heim: 100 Kandidaten ziehen für die Show „Get the F*ck out of my House“ für einen Monat in ein 116 Quadratmeter großes Haus ein.

Einzug ins neue Heim: 100 Kandidaten ziehen für die Show „Get the F*ck out of my House“ für einen Monat in ein 116 Quadratmeter großes Haus ein.

Foto: Willi Weber / dpa

In der neuen Reality-Show „Get the F*ck out of my House” leben 100 Menschen auf 116 Quadratmetern zusammen. So war die erste Ausgabe.

Berlin.  Ist es nicht ein Jammer, dass es der modernen Zivilisation noch immer nicht gelungen ist, Tote zum Leben zu erwecken? Wenigstens für einen Abend? Genauer gesagt: wenigstens für einen Donnerstagabend, so gegen 20.15 Uhr? Denn was hätte Alfred Adler einen Spaß! Der unweit von Wien geborene Begründer der Individualpsychologie und spätere Erzfeind von Sigmund Freud ließ zu Lebzeiten – 1870 bis 1937 – einen Satz verlauten, der geradezu perfekt zur neuen Reality-TV-Show „Get the F*ck out of my House” (GtFoomH) auf ProSieben passt: „Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht den Kontakt und den Austausch mit anderen Menschen.“

Die Frage ist nur: Mit wie vielen anderen Menschen – und auf welchem Raum? Da uns der gute Herr Adler leider auf unbestimmte Zeit einer Antwort schuldig bleiben wird, übernimmt ProSieben seinen Job – und pfercht 100 Personen auf 116 Quadratmetern zusammen. Vier Zimmer, zwei Bäder, eine XXS-Küche: Eine Legebatterie ist ein Witz dagegen.

Feuerwehrmann, Manager, Hausfrau

Genug Freiwillige für das aus den Niederlanden stammende TV-Experiment findet der Sender allemal: 19 bis 82 Jahre alt, Feuerwehrmann, Hausfrau, Account Manager, blondiert, tätowiert, ungeniert – alle dabei. Dass in dem Einfamilienhaus, das in der Eifel steht, nur zwei Toiletten auf 100 Popos warten – wumpe, schnuppe, Wurst! Schließlich gilt es, nach vier Wochen und als last (wo-)man standing 100.000 Euro zu kassieren.

Während Kandidatin Kate, Anfang 30, die Teilnahme an der Show aus ganz pragmatischen Gründen angeht (Ein neuer Busen darf es sein), möchte Immobilienfachfrau Marie „einfach mal an ihre Grenzen gehen“. Das sollte das geringste Problem werden. 14 Handtücher für die versammelte Mannschaft, Handy-Verbot, Schlafplätze wahlweise auf dem Fußboden, der Küchentheke oder unterm Kinder-Schreibtisch, ein Teppich als Zudecke, ein Apfel pro Person als 24-Stunden-Verpflegung. Kandidatin Jamie, Typ Haudrauf: „Kein Fleisch, nothing? Was geht, Alder, was geht?“. Wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht Krieg minus Frieden herrscht, wann dann? Ach ja, 34 Kameras überwachen das Experiment dazu.

Konflikte sind überschaubar

Dann aber geschieht das Unglaubliche. Zwar ergreift die erste Kandidatin bereits nach 90 Minuten die Flucht, und es sollen ihr bis Ende der ersten Woche 16 Geplagte gleichtun (Das Haus verlassen dürfen die Teilnehmer jederzeit, wobei der Schritt ihr Aus bei „GtFoomH“ bedeutet).

Doch abgesehen von überschaubaren Quengeleien wegen abhanden gekommener Fußbekleidung, Schnarcherei oder verbotener Mehrfach-Gänge zum für Spatzenmägen ausgerichteten „Büffet“ bleibt die Stimmung den Umständen entsprechend ausgelassen. Mehr noch: Als der demokratisch gewählte „Haus-Boss“ und Lebensmittel-Herrscher Norbert (56) sein Privat-Gemach samt Toilette feierlich mit den Frauen teilen will, bricht Jubelstimmung aus („Norbert, ich will ein Kind von dir!“).

24 Stunden Dauerkontakt schweißt zusammen

Die Freude soll nur von kurzer Dauer sein: Als Norbi, Galionsfigur im roten Arbeitsanzug, fünf weniger beliebte Kandidaten nach Hause schicken muss, gehen die Taschentuch-Vorräte des Hundert-Personen-Haushalts schlagartig zur Neige. Jeder, der über ein wenig Tränenflüssigkeit verfügt, heult ob seines eigenen Abschieds oder dem eines Kumpels, als sei ein Lebenstraum zerplatzt. Regelrechte Abschluss-Orgien, untermalt mit „Back to life, back to reality“-Gesängen, führen zu folgender Erkenntnis: Einander fremd sind wir nicht länger als eine durchschnittliche Werbepause.

Schon bei den Spielen zum Aufbessern der Haushaltskasse liegen sich die Fünf-Minuten-Freunde wie Stalingrad-Gefährten in den Armen. Der Wortlaut eines Gefühlsübermannten: „Wenn man 24 Stunden zusammen verbringt, schweißt das natürlich extrem zusammen“. Klaustrophobie hin oder her.

Zuschauer kennen solche Formate bereits

Herr Adler, unser Wiener Psychologe, soll am Ende also recht behalten: Der Mensch braucht Kontakt und Austausch mit anderen. Der verläuft indes nicht immer reibungslos („Ich kann nicht schlafen/ „Ich kann nicht pissen, das ist viel schlimmer“), aber immer öfter. In der Gruppe beschlossene Prinzipien etwa bei der Essensverteilung wirken einer allgemeinen Misere entgegen, und wenn schon einer leiden muss, dann leiden alle. Der arme Sebastian war wegen absoluter Austrocknung nämlich zusammengeklappt und musste ins Krankenhaus.

In die Annalen der TV-Geschichte wird „Get the F*ck out of my House” vermutlich nicht eingehen, dafür erscheinen manche Konflikte – Wer darf auf dem Sofa liegen? – oder Erkenntnisse – „Ein Handtuch für viele? Das ist schon ekelhaft, aber was ist hier nicht ekelhaft?“ – zu vorhersehbar. Abgesehen davon, dass der Zuschauer mit ähnlichen Formaten wie „Big Brother” und „Dschungelcamp“ bereits vertraut ist.

Eine kurzweilige Unterhaltung, auch wegen des Moderaten-Duos Thore Schölermann und Jana Julie Kilka, stellt die Show dennoch dar. Und je länger die Herrschaften auf ihren je 1,16 Quadratmetern Platz zusammenhocken (Normalerweise stehen jedem Deutschen durchschnittlich 43 Quadratmeter zur Verfügung), umso spannender dürfte es werden. Ein Vorgeschmack? Norbert: „Ich bin nicht hier, um Freunde zu suchen. Ich habe schon drei: den lieben Gott, seinen Sohn und meinen Schutzengel“. Den dürfte er noch brauchen.