ARD-Krimi

Krimi oder Zombiefilm? So merkwürdig war der neue „Tatort“

Im NDR-„Tatort“ bedrohen „Zombie“-Kinder Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz).

Im NDR-„Tatort“ bedrohen „Zombie“-Kinder Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz).

Foto: Christine Schroeder / NDR

Der neue „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring war eine Mischung aus Umweltthriller und Horrorfilm. Geniale Idee oder irgendwie schräg?

Berlin.  Beim „Tatort“ gab es in letzter Zeit so einige Experimente. Allein im Oktober überschritt man mit „Hardcore“ (Porno) und „Fürchte dich“ (Horror) gleich zweimal Genregrenzen, jetzt versuchte man es beim NDR wieder mit Grusel – und bediente sich für „Böser Boden“ beim Zombiefilm.

Worum ging es?

Im ländlichen Niedersachsen wird der Fahrer eines Erdgasunternehmens brutal ermordet aufgefunden. Weil Arash Naderi (Hadi Khanjanpour) aus dem Iran nach Deutschland migriert ist, vermuten die Kommissare Julia Grosz (Franziska Weisz) und Torsten Falke (Wotan Wilke Möhring) zunächst ein fremdenfeindliches Motiv. Doch in Wahrheit hat es sich Naderi mit den Dorfbewohnern verscherzt.

Denn einige von ihnen entpuppen sich als militante Umweltschützer. Sie sind sicher: Das Erdgasunternehmen Norfrac vergiftet ihren Boden. Auch Naderi war einem Skandal auf der Spur, beging dabei aber einen folgenschweren Fehler.

Worum ging es wirklich?

Um die Frage, was hier eigentlich tatsächlich krank macht: reale Giftstoffe, die durch ein Leck in der Pipeline ins Grundwasser gelangen, oder allein die Angst vor möglichen Gefahren? Und was unterscheidet eigentlich ein Unternehmen, das rücksichtslos seine Ziele durchsetzt, von ökologischen Extremisten, deren Angst und Zorn sie autoritär und gewalttätig werden lassen?

Der Kniff mit den Zombies

Um deutlich zu machen, wohin jede Form von Fanatismus führen kann, stellen die „Tatort“-Macher die Dorfbewohner als abgestumpfte Wesen dar. Wie bei Zombies sind ihre Blicke leer, sie reden kaum – und wenn doch, spricht aus ihnen der blanke Hass. Sie sind vergiftet. Wenn nicht durch echte Schadstoffe, so doch emotional durch ihre Wut auf Norfrac.

Die anderen Metaphern

Der Walfänger „Essex“: Zweimal kommen die Kommissare mit der Norfrac-Chefin Behringer auf ein Gemälde zu sprechen, das in ihrem Büro hängt. Es zeigt Walfänger auf der Jagd, kurz vor der Havarie. Die Botschaft: Früher hat man Wale geschlachtet, um an Öl zu kommen – ob das so viel besser war?

Und: Nach der Havarie der „Essex“ entschieden sich die Walfänger, in ihren Rettungsbotten lieber die lange Fahrt übers Meer anzutreten statt eine angebliche Kannibalen-Insel anzusteuern – und endeten schließlich selbst als Kannibalen, die aus Hunger übereinander herfielen. „Der Feind ist die Angst, die Menschen zu unvernünftigen Aktionen treibt“, sagt Behringer.

Die Szenerie: Dunkel, nass, matschig – die Schauplätze sind oft düster, morastig-schlammige Böden und das trübe Wasser des Sees wurden bewusst in Szene gesetzt. Welche Abgründe schlummern da unter der Erde?

Die Musik: Plakativer kann Einstiegsmusik nicht sein: In der ersten Szene sitzt Kommissar Falke im Auto, im Radio läuft ein Hit der Cranberries – na klar, „Zombie“. Doch dass man sich nicht sorgen muss, Falke selbst könnte der Angst verfallen, wird in einer späteren Szene deutlich: Während er in einem Hamburger Club nach seinem Sohn Torben sucht, singt Rag’n’Bone Man „I’m only human after all“ (etwa: letztendlich bin ich auch nur ein Mensch).

Gastauftritt

Doch damit nicht genug der vielsagenden Songtexte. In dem Club läuft gerade ein Konzert. Falke hält inne, denn die Zeilen des Sängers passen einfach zu gut zu seinem schwierigen Vater-Sohn-Verhältnis: „Du warst allein’ zu Haus, hast mich vermisst, und dich gefragt, was du noch für mich bist.“ Kommt bekannt vor? Ist es auch. „Oft gefragt“ ist ein Lied der Kölner Poprockband AnnenMayKantereit, die den Hit auch gleich selbst im „Tatort“ performen.

Gruselfaktor

Wohl um den „Tatort“ realistisch zu halten, haben es die Autoren mit den Zombie-Szenen nicht übertrieben. Vermeintliche Schreckmomente sind meist vorhersehbar – etwa als der Neffe des Toten sich im Auto vor den Kindern der Umweltaktivisten versteckt und die Kamera langsam hoch zum Seitenfenster schwenkt. Wer ihm dahinter wohl auflauert?

Gelegentlich wirkt die Zombie-Masche auch einfach nur komisch. So etwa im Supermarkt, als Bruder und Schwägerin des Mordopfers von den übrigen Kunden langsam umzingelt und ohne Worte in die Enge getrieben werden.

Bester Einfall

Das große Plus dieses „Tatorts“ ist die clevere Aufteilung des Kommissaren-Duos in empfänglich für die Veränderung der Dorfbewohner (Grosz) und nicht empfänglich (Falke). Während Grosz in der Lage ist, das Grauen zu spüren, das um sich greift, geht Falke eher pragmatisch an die Sache – und macht hier und da noch Witze.

„Die sind alle nicht gesund hier“, raunt Grosz und blickt besorgt um sich. Darauf Falke nur lapidar: „Ja, die sehen alle so aus, als würden sie das gleiche Handtuch benutzen.“

Und so wird – anders als der Mord – nicht endgültig aufgeklärt, ob Norfrac nun tatsächlich den Boden vergiftet oder nicht. Der Zuschauer kann Grosz’ Denkweise folgen oder der von Falke, aber ein Rest Unsicherheit bleibt.