Lebensmittel-Check

Glücklichmacher oder Suchtfaktor? 4 Fakten über Schokolade

Schmeckt auch flüssig gut: Moderatorin Stefanie Stappenbeck trinkt eine heiße Schokolade

Schmeckt auch flüssig gut: Moderatorin Stefanie Stappenbeck trinkt eine heiße Schokolade

Foto: Nadine Grothkopp / ZDF und Nadine Grothkopp

Ist Schokolade eigentlich gesund? In der letzten Folge der 3sat-Serie „Richtig Gut Leben“ dreht sich alles um die beliebte Süßigkeit.

Berlin.  Schokolade macht glücklich – und süchtig, da sind sich viele sicher. Aber stimmt das auch? Und ist dunkle Schokolade wirklich gesünder und macht weniger dick als die Vollmilchvariante? Die letzte Folge der vierteiligen 3sat-Reihe „Richtig Gut Leben“ beschäftigt sich mit der bei den Deutschen beliebtesten Süßigkeit.

Moderatorin Stefanie Stappenbeck hat nachgeschaut, wie Schokolade produziert wird, welche Inhaltsstoffe welche Wirkung haben, wie die Macht auf dem Schokomarkt verteilt ist und worauf Kunden achten sollten, um guten Gewissens Schokolade zu kaufen. Das sind die Ergebnisse:

• Macht Schokolade wirklich glücklich?

Zehn Kilo Schokolade isst der Durchschnittsdeutsche pro Jahr. Und mehr als ein Drittel aller Deutschen (36 Prozent) ist sich sicher: Schokolade sorgt für bessere Stimmung. Tatsächlich enthält Schokolade die Aminosäure Tryptophan, die an der Entstehung des Glückshormons Serotonin beteiligt ist. Dennoch halten Forscher es für fraglich, dass sich die Aufnahme von Tryptophan über Schokolade auf den Gemütszustand auswirkt. Denn auch andere Lebensmittel wie Cashewkerne oder Erbsen enthalten Tryptophan in ähnlicher Konzentration wie Schokolade. „Hätte Tryptophan eine spürbare Wirkung, müsste Erbsensuppe uns auch in einen Glücksrausch versetzen“, lautet die Schlussfolgerung des „Richtig Gut Leben“-Teams.

Viel wahrscheinlicher sei es, das die Psyche den Menschen austrickst. Die Erklärung: Schokolade wecke Erinnerungen an die Kindheit. Unbewusst würden unbeschwerte Kindertage mit den Süßigkeiten verbunden, die es damals gab. Deshalb essen viele Erwachsene die Schokolade, die sie von früher kennen, noch immer gern – und fühlen sich glücklich.

• Schokolade als Droge: Macht sie wirklich süchtig?

Reiner Kakao wird tatsächlich als bewusstseinserweiterndes Mittel eingesetzt. Als sanfte alternative Droge greift etwa Katerina Stwrtetschka, Organisatorin für Kakao-Rituale, zu reinem Kakao für die Meditation. Er soll Stoffe enthalten, die psychoaktiv wirken und den Blutfluss steigern, etwa das Theobromin. Der Stoff gehört zur Gruppe der Stimulanzien und ist verwandt mit Kokain und Morphin. In verarbeiteter Schokolade wirkt Theobromin jedoch nicht. Wird Kakao geschmolzen, gehen die psychoaktiven Substanzen verloren.

Rausch durch Schokolade scheint also bedingt möglich, doch wie hoch ist das Suchtpotenzial? Klar ist: Kakao fördert über einen Umweg die Nikotinsucht. Denn um den Geschmack zu verbessern, wird er häufig Zigaretten beigemischt. Der verbesserte Geschmack wiederum animiert dazu, mehr zu rauchen.

Doch auch die Schokolade selbst hat Suchtpotenzial. Der 3sat-Beitrag nennt das „Fressformel“. Sie besagt: Enthält ein Lebensmittel gewisse Anteile an Fett und Zucker, greifen Menschen zu, auch wenn sie satt sind. Das sei in den Genen verankert. Die Industrie macht sich das gezielt zunutze. 50 Prozent Kohlenhydrate wie Zucker, 30 Prozent Fett – schon ist die Fressformel erfüllt. Ist diese Formel außer Kraft gesetzt, fällt der Verzicht leichter, etwa bei dunkler Schokolade.

• Ist dunke Schokolade wirklich gesünder als helle?

Bedingt stimmt das schon, hat die Recherche von „Richtig Gut Leben“ ergeben. Zwar ist es ein Irrglaube, dass dunkle Schokolade weniger dick macht als die helle Variante. Denn Zartbitter hat ähnlich viele Kalorien wie Vollmilchschokolade, bei 100 Gramm etwa 540 bis 560 Kalorien. Dennoch gilt dunkle Schokolade gemeinhin als gesünder.

Das liegt vor allem an den sogenannte Antioxidantien, die in dunkler Schokolade verstärkt enthalten sind. Sie gelten als krebsvorbeugend. Allerdings: Verbinden sich Antioxidantien mit Milch, verlieren sie ihre Wirkung. Wer sich einen positiven Effekt durch die Antioxidantien in der Schokolade erhofft, sollte zu Bitterschokolade greifen, denn sie enthält nur einen geringen oder häufig gar keinen Milchanteil. Eine Alternative: vegane Milchschokolade mit Mandelmilch.

• Wer hat die Macht auf dem Schokoladenmarkt?

Angebaut wird Kakao vor allem in Mittel- und Südamerika sowie Westafrika. Mehr als 70 Prozent der Kakaoernte stammen aus den ehemaligen Kolonien Westafrikas. Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Kakao-Importeur weltweit. In Form von Bohnen, Paste, Pulver oder Butter kommt der Rohstoff nach Deutschland. Die fertig produzierte Schokolade reicht weit über Deutschlands Eigenbedarf hinaus: Schokolade im Wert von 2,2 Milliarden Euro werden jährlich exportiert. Den Schokoladenweltmarkt teilen sich im Grunde genommen fünf große Hersteller untereinander auf: Ferrero, Hershey’s, Nestlé, Mondelēz und Mars.

Doch wer verdient auf dem Kakaomarkt? „Richtig Gut Leben“ zeigt: die 5,5 Millionen Kakaobauern sind es nicht. Zwar sind sie für etwa 90 Prozent der Kakao-Welternte verantwortlich. Weil sie aber nicht vernetzt agieren und es keine Zusammenschlüsse gibt, haben sich kaum Chancen, gegenüber Händlern und Großkonzernen Preise durchzusetzen, die ein menschenwürdiges Leben garantieren. Gegen die Macht der Großkonzerne haben sie keine Chance.

Eigentlich, so die Schlussfolgerung des 3sat-Teams, müsste eine Tafel Schokolade etwa vier Euro kosten, im Schnitt ist sie im Supermarkt für einen Euro erhältlich. Die Redaktion schlüsselt auf: Von einer Tonne Kakao gehen 44,2 Prozent des Verkaufspreises an den Einzelhandel. Die Hersteller bekommen 35,3 Prozent. 13,9 Prozent gehen an Zwischenhändler, Transporteure oder Vermahler. Nur ein winziger Teil – 6,6 Prozent – bleibt den Kakaobauern.

Zur Verdeutlichung: Ein Bauer an der Elfenbeinküste verdient am Tag nur 50 Cent. Wer die Schokolade der großen Marken kauft, fördert die ungleiche Machtverteilung auf dem Weltmarkt. Ein Ratschlag von „Richtig Gut Leben“, der den Kakaobauern jedoch kaum weiterhelfen dürfte: „Wer sich sozial engagieren möchte, sollte mit Bedacht genießen und sich klarmachen, wie viel Arbeit in einer Tafel Schokolade steckt.“

• Müssen Schokoladenkonsumenten Kinderarbeit in Kauf nehmen?

Dass auf Kakaoplantagen in Ghana und der Elfenbeinküste auch Kinder arbeiten müssen, ist seit 15 Jahren bekannt. Etwa zwei Millionen Kinder schuften bei der Ernte. Manche müssen Pestizide ausbringen, beim Schälen der Früchte mit gefährlichen Macheten hantieren, schwere Kakaosäcke tragen. Ein Großteil von ihnen hilft der Familie, weil die Bauern kein Geld haben, um Arbeiter einzustellen. Ein Teil der Kinder arbeitet nur so viel, wie es nationale Gesetze und internationale Standards erlauben. Doch von einem kleinen Teil der arbeitenden Kinder ist auch bekannt, dass sie verschleppt, verkauft und sklavenähnlich auf den Plantagen eingesetzt werden.

Wer beim Konsum von Schokolade keine Kinderarbeit in Kauf nehmen will, sollte verstärkt auf verschiedene Siegel achten. Sowohl das Siegel von „Rainforest Alliance“, ursprünglich ein Umweltsiegel, als auch das „UTZ Certified“-Siegel verurteilen Kinderarbeit lediglich. Der Fokus liegt auf anderen Maßnahmen. Das „Fairtrade“-Siegel verbietet klar Kinder- und Zwangsarbeit, doch wie Prämien für soziale Maßnahmen verteilt werden, ist wenig transparent. Eine 100-prozentige Sicherheit, dass soziale Standards eingehalten werden, gebe es nicht, so Friedel Hütz-Adams vom „Südwind“-Institut für eine gerechte Weltwirtschaft.

„Richtig Gut Leben“ rät abschließend, zu fair gehandelter Schokolade oder teuren Bean-to-Bar-Produkten zu greifen. Beim Bean-to-Bar-Prinzip – auf Deutsch etwa: „Von der Bohne bis zum Riegel“-Prinzip – liegt von der Bohne bis zur fertigen Schokolade alles in einer Hand; der Hersteller weiß, wo und unter welchen Bedingungen der Kakao, den er bezieht, hergestellt wurde, weil er den Rohstoff nicht über den Großhandel, sondern direkt beim Bauern bezieht. Ein Schokoladenboykott ist sinnlos, denn das würde bedeuten, dass den Kakaobauern Absatzmärkte wegbrächen.

Sendetermin: Donnerstag, 25. August, 18.15 Uhr, 3sat