Fremdenfeindlichkeit

TV-Bericht deckt tödliche rassistische Angriffe in DDR auf

Neonazis in Ostdeutschland sind einem Bericht zufolge kein neues Phänomen.

Neonazis in Ostdeutschland sind einem Bericht zufolge kein neues Phänomen.

Foto: imago stock&people / imago/Christian Ditsch

Das DDR-Regime hat rechtsextreme Angriffe vertuscht – vor allem, wenn sie tödlich verliefen. Ein TV-Bericht deckt nun einige Fälle auf.

Leipzig.  Angriffe von Rechtsextremen durfte es in der kommunistischen DDR nicht geben. Und wenn es sie doch gab, wurden sie mit allen Mitteln der SED-Diktatur vertuscht. Doch das Schicksal zweier kubanischer Vertragsarbeiter wird nun aufgearbeitet. Ein TV-Bericht schildert die Zeit des Angriffs.

Die Männer werden in Merseburg von mehreren Menschen in die Saale getrieben und dann mit Flaschen und Steinen beworfen, bis sie ertrinken. In Suhl jagen Menschengruppen algerische Gastarbeiter durch die Innenstadt und verprügeln sie mit Latten und Stangen. Ein Lehrling aus Mosambik wird in Staßfurt von mehreren Männern bewusstlos geschlagen und in die Bode geworfen. Einen Tag später wird seine Leiche gefunden. Diese und andere fremdenfeindliche Angriffe in der DDR rekonstruiert der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in der Sendung „Exakt – Die Story“.

700 belegte Fälle von rassistischen Angriffen

Bei rassistischen Übergriffen in der DDR starben nach Erkenntnis des Historikers Harry Waibel mindestens zwölf Menschen. „Wir können bisher 700 Vorfälle nachweisen und belegen, bei denen es mindestens zwölf Tote gegeben hat“, erklärt Waibel in dem MDR-Format. Nach Angaben des Senders hat Waibel Stasi-, Polizei- und Gerichtsakten ausgewertet und ist dabei auf Vorkommnisse im gesamten Gebiet der DDR gestoßen.

Wegen des Arbeitskräftemangels warb die DDR ab Mitte der 1960er Jahre Vertragsarbeiter aus dem Ausland an. Die ersten kamen aus Polen, Ungarn und Algerien. Später folgten Kubaner, Mosambikaner und Vietnamesen. Laut MDR gab es insgesamt 94.000 Gastarbeiter.

Anwalt will Fälle vor Gericht sehen

Mehr als 37 Jahre später hat die Familie von einem der getöteten Kubaner von den Todesumständen erfahren und den Münchner Anwalt Yavuz Narin eingeschaltet, heißt es in dem Beitrag. Dieser sieht nun die Staatsanwaltschaft in der Pflicht. „Wir gehen davon aus, dass die Staatsanwaltschaft Halle von sich aus tätig werden dürfte, da es sich bei Mord um ein Offizialdelikt handelt“, sagt der Anwalt.

„Wir regen an, dass sich der Anwalt direkt an uns wendet, wenn er neue Erkenntnisse und Sachverhalte in dem Fall hat“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Halle, Klaus Wiechmann. Bislang sei bei seiner Behörde noch kein einziges Schreiben eingegangen, das zu neuen Ermittlungen Anlass gebe.

Öffentlichkeit hätte Image geschadet

Laut MDR-Beitrag sind viele der Delikte auf Anweisung der DDR-Partei- und Staatsführung vertuscht worden. Waiber geht in dem Beitrag auch der Frage nach, warum vieles verschwiegen wurde und warum zahlreiche Taten nicht aufgeklärt wurden.

„Eine Veröffentlichung der Fälle hätte dem offiziellen Bild der Internationalen Solidarität und Völkerfreundschaft, das sich die DDR gegeben hatte, geschadet“, sagt Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur in Berlin. Außerdem hätte man dann auch die Ursachen hinterfragen müssen.

„Ein Auslöser für die Übergriffe war auch die unwürdige Behandlung der Ausländer“, erklärt Kaminsky. Sie seien nicht als Bereicherung gesehen worden. Erwachsene Menschen mussten in Wohnheimen leben, ihnen sei das Taschengeld zugeteilt worden. Liebesbeziehungen zwischen den Ausländern, aber auch zu Deutschen seien nicht gern gesehen worden. Sei beispielsweise eine Vietnamesin schwanger geworden, sei sie zur Abtreibung gezwungen oder gleich nach Hause geschickt worden. (dpa)

„Exakt - Die Story“, MDR, Mittwoch, 17. August, 20.45 Uhr