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Der Thriller über den Tod Uwe Barschels

Als Journalisten unter sich: Fabian Hinrichs (Mitte) und Alexander Fehling (re.) mit Ressortchef (Edgar Selge)

Als Journalisten unter sich: Fabian Hinrichs (Mitte) und Alexander Fehling (re.) mit Ressortchef (Edgar Selge)

Foto: Stefan Erhard/ARD

Der Hamburger Regisseur Kilian Riedhof macht aus dem ungeklärten Tod des Kieler CDU-Politikers einen spannenden ARD-Spielfilm.

Deutschland 1987, kurz nach dem rätselhaften Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel. Der Journalist David Burger (Alexander Fehling) berichtet seinem Ressortleiter Brauneck (Edgar Selge) von der „Neuen Hamburger Zeitung“ von neuen seltsamen Indizien, die einen Selbstmord als Todesursache immer unwahrscheinlicher erscheinen lassen. Aber Brauneck bleibt skeptisch. „Geht es jetzt um die Wahrheit oder um Ihre Karriere?“, fragt er seinen Reporter. Die politischen Wirren um den Schleswig-Holsteiner und seinen Tod sind im Film „Der Fall Uwe Barschel“ auch ein Menetekel, das Fragen nach der Ethik des Journalismus stellt. Das Erste widmet dem Politiker am heutigen Sonnabend viel Sendezeit, zeigt einen dreistündigen Spielfilm und anschließend eine Dokumentation.

Es war einer der größten Politskandale der Bundesrepublik. Uwe Barschel (Matthias Matschke) musste von seinem Amt zurücktreten, weil er mit Hilfe diverser Intrigen seines Medienberaters Reiner Pfeiffer (Martin Brambach) versucht hatte, seinen Konkurrenten, den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm, zu diskreditieren und zu verhindern. Er bezichtigte ihn fälschlicherweise der Steuerhinterziehung und gab sich als Arzt aus, der ihm eine HIV-Infektion andichtete. Barschels Versuche, diese Vorwürfe im Rahmen einer Pressekonferenz („Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“) zu entkräften, scheiterten. Wenige Tage später wurde er tot in der Badewanne eines Genfer Luxushotels gefunden. Das Foto ging um die Welt. Die Umstände seines Todes bleiben bis heute rätselhaft.

Für seinen Film hat Regisseur Kilian Riedhof („Sein letztes Rennen“, „Homevideo“) einen geschickten Ansatz gewählt. Er macht aus „Der Fall Barschel“ keine Filmbiografie, sondern einen spannend erzählten und sehr gut besetzten Politthriller. Zwar schildert er auch die Ereignisse, die zu Barschels frühem Tod führten. Im Vordergrund aber stehen die Journalisten Burger und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs). Sie sind miteinander befreundet, bei der Bewertung ihrer Ermittlungsergebnisse jedoch gehen ihre Meinungen auseinander. Der Pragmatiker Nissen glaubt an den Selbstmord, während Burger jeder Verschwörungstheorie nachgeht. Dabei verstrickt er sich immer tiefer in den Fall. Sein eigenes Leben beginnt Parallelen zu dem des CDU-Mannes aufzuweisen.

Für Regisseur Riedhof, der in Hamburg lebt, ist Kiel ein besonderes Pflaster. Er hat in der Fördestadt seinen Zivildienst abgeleistet und im Landeshaus einen Kurzfilm gedreht. „Etwas hat mich da hingezogen“, sagt er. Zwar will er mit seinen Filmen andere „bewegen und gern auch verstören“, aber dieser Thriller hat ihn manchmal selbst um den Schlaf gebracht. „Der Fall ist hochkontaminiert. Das überträgt sich auf jeden, der sich näher mit ihm beschäftigt. Es war nicht leicht, hier stabil und rein zu bleiben, weil er einen dunklen Sog entwickelte. Ich bin manchmal nachts aufgewacht, weil ich dachte, ich hätte ein neues Puzzlestück. Außerdem habe ich die Haustür lieber zweimal abgeschlossen.“

Einen wesentlichen Grund für die Tragik Barschels sieht der Filmemacher in dessen narzisstischer Persönlichkeit. „Er war ein hochbegabter Politiker, der sehr schnell aufgestiegen ist. Dann hat er vielleicht den Kontakt zu sich selbst verloren. Vermutlich hat er ein Doppelleben geführt, ohne dass er es wollte. Ich tue mich aber schwer darin, ihn zu verurteilen. Man muss immer vor der eigenen Haustür kehren und sich fragen: Wie viel Narzissmus steckt in mir?“

Riedhof findet, dass der Fall damals zu einem Nachdenken über die politische Kultur in der Bundesrepublik geführt habe. Seitdem habe man jedoch bereits mehrere Rückfälle beobachten können. „Wenn man in der Politik arbeitet, besteht die Gefahr, dass man vergisst, wofür man eigentlich gewählt wurde: Um im Auftrag des Volkes zu agieren und nicht primär für den eigenen Machterhalt. Politik ist ein Raumschiff, bei dem man den rechtzeitigen Ausstieg nicht verpassen sollte. Das betrifft auch den Journalismus, der sich nah an der Berliner Republik aufhält.“

Jemand, der die politischen Ereignisse in Kiel damals hautnah verfolgte, ist der ehemalige Abendblatt-Redakteur Herbert Wessels. Er schildert die politische Atmosphäre der Zeit so: „Wie die CDU, inklusive Regierung, mit der Opposition umging, war nicht nur für mich gewöhnungsbedürftig. Das hatte aber schon Tradition. Die CDU dachte halt, Schleswig-Holstein für sich gepachtet zu haben.“ Auch die Zeitungen des nördlichsten Bundeslandes hätten lange nur regierungskonform berichtet. Wessels selbst ist ein Anhänger der Selbstmordtheorie und erinnert sich daran, wie er vom Tod des Politikers erfuhr: „Ich saß an meinem Text für die nächste Ausgabe. Da kam mein Chefredakteur Klaus Korn mit der ersten Agenturmeldung: Barschel habe sich erschossen. Ich habe spontan gesagt: ,Hat er es also doch getan!’“

Die Figur des Olaf Nissen ist an Wessels angelehnt, der das Filmteam auch in Gestaltungsfragen beriet. Die Redaktion der fiktiven „Neuen Hamburger Zeitung“ ähneln den damaligen Räumlichkeiten des Hamburger Abendblatts. Riedhof und seine Mitarbeiter nahmen zunächst an, sie müssten aussehen wie die der „Washington Post“ im US-Thriller „Die Unbestechlichen“, der eins der Vorbilder für diesen Film war. Alan J. Pakulas Watergate-Drama ist aber vor allem deshalb ein passendes Exempel, weil man sich beim Versuch, die Kieler Ereignisse zu beschreiben, bald auf einen neuen Begriff einigte: Waterkantgate.

„Der Fall Barschel“ Sa, 20.15 Uhr, ARD, „Barschel – Das Rätsel“ 23.00 Uhr