Abendblatt-Serie

Der mysteriöse Tod in der Badewanne

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel gibt am 18. September 1987 eine Pressekonferenz

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel gibt am 18. September 1987 eine Pressekonferenz

Foto: ullstein bild

Teil 8: Die spannendsten Kriminalfälle des Hamburger Professors Klaus Püschel. Heute: Uwe Barschel.

Hamburg. Der Tod ist das größte, sozusagen finale Geheimnis. Was nach dem Eintritt des Todes kommt, wissen wir nicht. Aber manchmal sind auch die Umstände des Ablebens eines Menschen noch Jahrzehnte danach mysteriös. Wer wollte Kennedys Tod? Starb Marilyn Monroe wirklich durch eigene Hand? Wir Deutschen erinnern uns auch an einen anderen spektakulären Fall, dessen Umstände bis heute im Dunkeln liegen: den des CDU-Politikers Uwe Barschel. War es Mord oder Suizid? Fast 28 Jahre nachdem die Leiche des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten in einer Badewanne in einem Genfer Hotel entdeckt wurde, gibt es noch immer glühende Anhänger beider Theorien.

Den Umständen eines Todes auf die Spur kommen: Das ist eine der vielen Facetten seines Berufes, die Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel antreiben und faszinieren. Wie ist ein Mensch gestorben? Warum? Der 63-Jährige sagt im Fall Barschel ganz eindeutig: „Die Fakten liegen auf dem Tisch: Sie werden sehr unterschiedlich interpretiert. Meines Erachtens geht es da mehr um Interessen als um Objektivität. Den toten Dr. Dr. Barschel sollte man endgültig ruhen lassen.“

War es Mord? Der gescheiterte Kieler Ministerpräsident, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 1987 in Zimmer 317 des Genfer Hotels ­„Beau-Rivage“ starb, könnte Opfer eines kriminellen Komplotts sein. Er könnte von der Stasi oder den Iran-Contra-Verschwörern in eine Falle gelockt worden sein. Oder von einer international agierenden Gruppe von Waffenhändlern, vom Mossad oder gar Politikern gemeuchelt. Für all diese Theorien gibt es Anhänger und Ermittlungsvorgänge. Doch Püschel erteilt allen eine klare Absage.

Professor Püschel geht von einem Selbstmord Uwe Barschels aus

„Die Art und Weise, wie der prominente Politiker zu Tode kam, entspricht nach meiner rechtsmedizinischen Erfahrung nicht der Vorgehensweise der Täter bei einem organisierten Verbrechen. Der Tod von Uwe Barschel folgt in seinem Szenarium eher dem Fahrplan von Suizidhilfeorganisationen.“

Selten stand der rasante Aufstieg eines Politikers seinem noch schnelleren Fall gegenüber wie im Fall Barschel. Der Mann mit den zwei Doktortiteln, der schon mit 29 Fraktionschef im Kieler Landtag war und später eine entfernte Verwandte aus der weitverzweigten Familie des Reichskanzlers Otto von Bismarck heiratete, ehrgeizig, konservativ, ehrenwert – ein Mustermann und als Ministerpräsident mit seinen Ambitionen noch lange nicht am Ziel. So nahm die Öffentlichkeit den Juristen lange Zeit wahr. Und dann: der Absturz mit der „Barschel-Affäre“. Einem Skandal, der ganz Deutschland erschütterte, als dem damals 43-Jährigen manipulatorische Maßnahmen gegen seinen politischen Gegner zur Last gelegt wurden, als er das berühmte „Ehrenwort“ gab, als er zurücktreten musste. Und schließlich – sein Tod.

Die erste Expertise von Schweizer Ermittlern über das Sterben des Ex-Ministerpräsidenten in der Badewanne ging von Suizid aus. Doch Barschels Witwe Freya und sein Bruder Eike wollten „weiterhin nach der Wahrheit forschen“, wie sie seinerzeit betonten, und gaben ein weiteres Gutachten in Auftrag. Ein sehr langes Protokoll, Ergebnis einer neuerlichen Untersuchung des Leichnams in Hamburg durch die Rechtsmediziner Werner Janssen, Klaus Püschel und Achim Schmoldt, ergab, dass zweifelsfrei „todesursächlich“ das Schlafmittel Cyclobarbital und die Beruhigungstabletten Pyrithyldion waren. Der Brechreizhemmer Diphenhydramin und das Neuroleptikum Parazin hätten, so Püschel, „die Wirkung verstärkt. Eine versehentliche Überdosierung bei einem bewusstseinsklaren Menschen ist angesichts der nachgewiesenen Substanzmengen nicht denkbar; ebenso unwahrscheinlich ist die Möglichkeit einer unbemerkten Beibringung.“

Sie seien damals „ein sehr gutes Team gewesen“, hebt Püschel hervor. „Institutsleiter Janssen galt als der richtige Mann für schwierige Fälle. Mein Kollege Schmoldt war seinerzeit für mich der beste Toxikologe überhaupt.“ Er selbst, so der Rechtsmediziner, habe „als Leitender Oberarzt alle Untersuchungsmaßnahmen koordiniert und dokumentiert“. Die Untersuchungsbefunde und Schlussfolgerungen der Hamburger Rechtsmedizin wurden später – „sicher nicht von uns“, betont Püschel – öffentlich gemacht: zum Beispiel im Buch des Leiters der Lübecker Staatsanwaltschaft und Chefermittlers in Sachen Uwe Barschel, Heinrich Wille. Titel: „Ein Mord, der keiner sein durfte“. Beispielsweise haben auch die Rechtsmediziner aus Lübeck und München die Asservate nochmals untersucht.

Der Fall wird ähnlich wie Kennedy wohl noch lange für Spekulationen sorgen

„Ich hatte früher die Illusion, wilden Spekulationen entgegenwirken zu können und habe nur eindeutige Fehl­interpretation und Falschmeldungen zurechtgerückt“, erläutert Püschel. Zuvor waren Erkenntnisse aus der Hamburger Expertise lanciert worden, mit denen Vertreter der Mordtheorie ihren Standpunkt zu untermauern versuchten: Bei der Nachobduktion seien zum Beispiel „zwei weitere Hämatome entdeckt worden, am Hinterkopf und am Rücken Barschels“. Unterschiedliche Autoren schrieben daraufhin unter anderem, die Verletzungen seien „Zeichen äußerer, unnatürlicher Gewalteinwirkungen“ und hätten zur Bewusstlosigkeit Barschels durch Schläge auf den Kopf geführt. Die Schweizer Mediziner hätten diese übersehen und deshalb „geschlampt“.

Doch der Bluterguss am Kopf Barschels war nach Feststellung von Janssen und Püschel bei der ersten Leichenschau in Genf überhaupt noch nicht zu sehen – weil es ihn da schlicht noch nicht gab. „Aus unserem Gutachten geht ganz klar hervor, dass diese Verletzungen erst nach dem Tod entstanden sind, durch die Präparation sowie bei der anschließenden Lagerung und beim Transport des Leichnams.“

Dennoch nährte der reichliche Medikamenten-Cocktail, der in Barschels Magen, Blut und Urin nachgewiesen wurde, die Spekulationen, östliche Geheimdienste könnten seinen Tod mit verursacht haben. Denn ein Präparat gab es seit Jahren nicht mehr in Westeuropa zu kaufen. Doch Barschel war, wie Ermittlungen unter anderem über die letzten Tage seines Lebens ergaben, durchaus kreativ darin, sich stattliche Mengen von Medikamenten zu verschaffen. Er konsumierte schon lange diverse Beruhigungs- und Schlafmittel. Ein dramatischer Flugzeugabsturz in Lübeck wenige Monate vor seinem Tod mag diese Medikamentenabhängigkeit verstärkt haben. Auch an dieser Medikamenten-Sucht liegt es, dass Theorien von Wissenschaftlern über die Reihenfolge und zeitlichen Unterschiede, in denen die einzelnen Präparate eingenommen wurden, zu Diskussionen führten. „Ein Mensch, der regelmäßig hohe Dosen an Tranquilizern konsumiert hat“, so Püschel, „stirbt anders.“

An dem Fall Barschel scheiden sich bis heute die Geister. Unmengen von Akten bei Medizinern, Dissenzen bei Staatsanwälten, ob die Ermittlungen weiter voranzutreiben oder abzuschließen sind, Kriminalisten, die in etlichen Büchern unterschiedliche Theorien verfechten – Reibungspunkte gibt es bis heute, und es wird sie womöglich immer weiter geben. „Wie bei John F. Kennedy oder Marilyn Monroe gibt es immer wieder Todesfälle, bei denen der Tod auch noch nach Jahrzehnten in der Grauzone bleibt“, erklärt Püschel. „Man überlegt, ob es neuere Untersuchungsmöglichkeiten geben kann, die Licht in das Dunkel bringen. Im Fall Barschel sehe ich dies nicht so, weil keine Spuren oder Überreste vorhanden sind, die noch mit neueren Methoden gründlicher untersucht werden können.“ Und noch einer Sache ist sich Püschel sicher: „Für einen Rechtsmediziner zählen als eindeutige Beweismittel nur die Fakten, für mich vor allem die eigenen Befunde und Laboranalysen. Die sonstigen äußeren Umstände eines Falls sind manipulierbar und interpretierbar. Zeugenangaben sind unter Umständen subjektiv gefärbt. Sonstige Spekulationen, etwa über politische Verwicklungen, verwischen den Blick für das wesentliche Ergebnis der Sektion und der toxikologischen Analytik.“