Schweiger-Tatort

Nick Tschiller oder Warum Hamburg aussieht wie L.A.

Dass Hamburg in den Til-Schweiger-„Tatorten“ eher nach LA als nach Niendorf aussieht, liegt an einem schwer zu fassenden Mann

Dass Hamburg in den Til-Schweiger-„Tatorten“ eher nach LA als nach Niendorf aussieht, liegt an einem schwer zu fassenden Mann

Foto: NDR/Gordon Timpen

Nic Diedrich ist Locationscout. Er findet für Til Schweiger das unbekannte Hamburg. Und inszenierte schon Hollywood-Kino an der Elbe.

Hamburg.  Der Mann ist schwer zu fassen. Das fängt schon mit seiner Berufsbezeichnung an. Locationscout lautet die in der Branche übliche Job­beschreibung. Aber dieser Begriff trifft es natürlich nur unzureichend. Nic Diedrich ist Entdecker. Möglichmacher und Improvisator. Vermittler zwischen Menschen, die sich in komplett verschiedenen Welten bewegen. Hamburg-Experte und (unfreiwilliger) Stadtbotschafter.

Sieht man im Kino oder Fernsehen Bilder, die Hamburg nicht in üblicher Postkartenkulisse zeigen, sondern als raue, pulsierende Großstadt mit Ecken und Abgründen – dann ist mit großer Wahrscheinlichkeit im Abspann Died­richs Name zu lesen. Hamburg sehe wie L.A. aus, hat ein Kritiker nach der Ausstrahlung eines Schweiger-„Tatorts“ geschrieben. Das klingt vor allem hübsch, aber ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Mit etwas Fantasie (und dem Blick fürs Wesentliche) lässt sich nämlich am Steindamm und auf der Veddel Hamburger Großstadtsumpf erzählen, werden Containerterminal Tollerort und Holzhafen zum maritim-morbiden Umschlagplatz für Bandenkriminalität.

Man könnte sagen, Nic Diedrich kennt Hamburg wie kaum jemand

Seit 16 Jahren arbeitet der 38 Jahre alte Hamburger mit seiner Firma ­Metrosafari als – nun gut: Location­scout. Er sucht Drehorte, an denen die Regisseure schließlich ihre Filme inszenieren. Villen und Mietwohnungen, Hinterhöfe und Hauptverkehrsstraßen. Oft gibt es zum Arbeitsbeginn kein fertiges Drehbuch, sondern nur ein paar lose Ideen. Am Anfang eines jeden Jobs steht stundenlanges Herumkurven mit dem Auto. Locker 120 Kilometer pro Tag. Mehr intuitiv als wirklich nach Plan. Wo lauert eine interessante Ecke? Welche Abbiegung könnte zu einem Ort führen, die sich als perfekte Filmkulisse entpuppt? Wobei es natürlich fast unmöglich ist, jemanden wie Died­rich auf städtebaulicher Ebene zu überraschen.

Man könnte auch sagen: Nic Diedrich kennt Hamburg wie kaum jemand. Nicht nur das gegenwärtige Hamburg, sondern auch die Stadt, wie sie vor Jahrzehnten einmal war. Er weiß, an welchen Stellen aktuell ­Gebäude abgerissen und neue errichtet werden. Zur Gentrifizierung der Stadt kann er einen so erhellenden wie amüsanten Vortrag halten, den man aus Zeitgründen leider irgendwann unterbrechen muss. Spricht man mit Leuten aus der Branche, steht ziemlich schnell fest: Wer auf der Suche ist nach unverbrauchten Drehorten, der ist bei Nic Diedrich in guten Händen.

Lebendige Orte statt toter Kulissen

Kein Wunder, dass Regisseur Christian Alvart auf ihn zukam, als feststand, dass Til Schweiger künftig in Hamburg als „Tatort“-Ermittler aufschlägt. Diedrich musste wegen Zeitmangels absagen; erst für den zweiten Krimi konnte er seine Dienste anbieten. Die Liste prominenter Namen, die sich an Metrosafari zwecks Motivsuche wenden, ließe sich beliebig fortsetzen: Anton Corbijn für die John-Le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“. Gore Verbinski für „A Cure for Wellness“, der voraussichtlich im September in den deutschen Kinos startet. Die Macher des Superheldenspektakels „Captain America“. Das kreative Portfolio von Diedrich und seinem Partner reicht von internationalen Großprojekten bis zu klassischem Fernsehstoff wie „Der Fall Barschel“. Auch Werbekunden wie Audi und Coco-Cola verlassen sich auf Bauchgefühl, Ortskundigkeit und die guten Kontakte von Metrosafari. Und eben die „Tatort“-Macher.

Wenn heute Tschillers Kinoausflug „Off Duty“ startet, steht eines jedenfalls fest: Der Film unterscheidet sich in seiner Optik deutlich von schnarchigen Fernsehkrimis, die eine Kombination aus Polizeireviermotiven und Blaulichtsequenzen in einer Einbahnstraße für ein gelungenes visuelles Konzept halten. Das Hamburg, das Died­rich zum Wesensmerkmal des „Tatorts“ gemacht hat, ist schwer auf einen Nenner zu bringen. Ziemlich viel angeschmuddelte Industrie-Romantik, ein bisschen 70er-Jahre-Arbeiterflair, eine gute Dosis Geheimnis, ­erschaffen auf Parkhausdächern und in nächtlichen Hafenszenen. Es sind Bilder, die zum Zuschauer sprechen. ­Lebendige Orte, keine toten Kulissen.

Nun ist ein Locationscout natürlich nicht der wichtigste kreative Kopf hinter einem fertigen Film. Doch niemand sollte unterschätzen, wie viel ­Talent dazugehört, sich einen Film vorzustellen, von dem bislang nur ein paar Zeilen auf Papier existieren.

Diedrich schafft es, die Freihafen-Brücke für Dreharbeiten vier Tage lang sperren zu lassen

Mindestens genauso wichtig ist ein Telefonbuch mit den richtigen Nummern. Locationscouts haben Kontakte ins Rathaus, in die Bezirksämter und ins Verkehrsamt. Zur Polizei und ins Luftfahrtbundesamt. Diedrich schafft es, die Freihafen-Brücke für Dreharbeiten vier Tage lang sperren zu lassen. Manchmal wird er ausgelacht, wenn er die Wünsche des Regisseurs an die ­Behörden weitergibt. Wenn alle fertig gelacht haben, wird selbst Unmögliches oft möglich gemacht. „Wir haben wirklich extrem freundliche und hilfsbereite Behörden“, sagt Diedrich. Und weiter: „Als Locationscout sollte dir keine Frage zu blöd sein.“ Für den Job von Nic Diedrich, der als Hobbyfotograf angefangen hat, braucht es auch Überredungskunst, Abenteuerlust und viel Geduld. Manchmal sind Anrufe rund um den Globus nötig, um den Besitzer einer Hamburger Filiale um eine Dreherlaubnis zu bitten („Das ist die Globalisierung in unserem Beruf.“). Ein anderes Mal muss eine seit Jahren stillgelegte Straße wieder für einen Drehtag zum Leben erweckt werden, inklusive Straßenbeleuchtung, die längst nicht mehr funktioniert.

Die weniger erfreuliche Erkenntnis, die Diedrichs Beruf mit sich bringt: Die Stadt nimmt wenig Rücksicht auf die Vorliebe der Kreativen für Gebäude mit Patina, für charismatische Ladenlokale und spezielles Kiez-Flair. Häuser werden konfektioniert, modernisiert, gleichgemacht. „Wir leben in einer Stadt, die alles abreißt, was sie in die Finger bekommt. Wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für die Filmstadt Hamburg“, sagt Diedrich. Der „Tatort“, sagt er, zeige ein Hamburg, „das es so bald nicht mehr gibt“. Es lohnt sich also umso mehr, genau hinzusehen.

„Tschiller: Off Duty“ startet heute im Kino.
In Hamburg läuft der Film im Blankeneser, Cinemaxx Dammtor/Harburg/Wandsbek, Hansa, Passage, Studio, UCI Mundsburg/Othmarschen/Wandsbek