TV-Nachbesprechung

Ein „Tatort“ spaltet die Fernseh-Nation

Der Tatort „Wer bin ich?“ mit Ulrich Tukur hat vor allem Stammzuschauer entsetzt. Doch es gibt auch positive Reaktionen.

Essen.  Ein doppelbödiger „Tatort“, in dem die Schauspieler sich selbst spielen? Eine Nabelschau des Fernsehbetriebs samt seiner Eifersüchteleien und Eitelkeiten? Humor, Ironie und am Ende kein Mörder, sondern ein doppelter Ulrich Tukur? Dass der Hessen-„Tatort: Wer bin ich?“, den mehr als sieben Millionen Zuschauer am Sonntagabend einschalteten, das Publikum spalten würde, war wohl schon nach ein paar Minuten klar.

Das spiegelt sich auch in den prompten Reaktionen der Nutzer auf der Facebook-Seite dieser Zeitung wider: Jubel auf der einen Seite, vor allem aber Empörung und Ratlosigkeit auf der anderen.

Die Geschichte einer enttäuschten Liebe

Bei den Verärgerten ist es neben einer Schimpforgie („der größte Schwachsinn seit Langem“, „Frechheit“ „Schund“, „unterm Strich Schrott“ etc.) vor allem die Geschichte der enttäuschten Liebe. Oder wie Susanne Gleba es schreibt: „Zu der Sendezeit unter dem Logo ,Tatort‘ gucken Menschen, die eine andere Erwartungshaltung haben.“ Entsprechend heißt es bei Adriane Hegemann: „Hm ... Tatort war das nicht ... Wäre was für Arte gewesen ... Ich habe nach halber Stunde umgeschaltet ...“ Oder Andre Schnittker: „Als Film, Experiment nicht schlecht. Aber keinesfalls als ,Tatort‘.“

„Warum besinnt sich die ,Tatort‘-Reihe nicht auf das einfache?“ will Thorsten Toto wissen. „Das ist nicht mehr der gute alte ,Tatort‘“, findet Sabine Mytzek. Und Simone Rezik poltert: „Eine Schande, wie mit den GEZ-Gebühren umgegangen wird ... wenn ich moderne Kunst erleben will, gehe ich ins Museum oder Theater ...“

Volker Schupetta sieht es ähnlich und hat die Wahrnehmungstrennung bei den Zuschauern so formuliert: „Das Feuilleton jubelt – die Normalos waren entsetzt und leicht überfordert!“

Jürgen Schottner hat es drastischer eingeordnet: „Kaum bringen die Öffentlich-Rechtlichen mal Programmkino, laufen alle Hauptschüler Amok und das Rentner-Publikum versteht nichts mehr.“

Sebastian Jacobs räumt ein, dass er „sowas auch nicht immer“ brauche, „aber mal hin und wieder finde ich auch solche Folgen echt lohnend.“

Diane Anna fasst den Applaus der Zufriedenen zusammen: „Einfach nur großartig auf allen Ebenen! Gut, dass es auch ,Tatorte‘ gibt, die anders sind. Anders als der übliche Sonntagabenddurchschnittskrimi für die, die das immer Gleiche und Gewohnte wollen und ja meistens auch bekommen. Es war witzig, absurd, schräg, selbstreflexiv und dabei verdammt gute Unterhaltung.“

Beim Hessischen Rundfunk bimmelte es am Montag in der Zentrale deutlich häufiger als üblich. Doppelt so oft wie beim letzten, ebenfalls außergewöhnlichen Tukur-,Tatort‘ „Im Schmerz geboren“, hieß es. „Wir haben das ja vorausgeahnt, dass es eine kontroverse Diskussion geben würde und das sozusagen billigend in Kauf genommen“, erklärte eine Sprecherin auf Nachfrage.

Und Ulrich Tukur? „Man muss die Zuschauer auch mal ein bisschen fordern“, hat der Hauptdarsteller über den Film gesagt und ihn verteidigt. „Der Mensch braucht etwas zu beißen, sonst verliert er die Zähne.“

Kommentar von Frank Preuß

Das Fernsehen muss Mut haben

Dieser wunderbar originelle „Tatort“ mit Ulrich Tukur polarisiert, und das war nicht anders zu erwarten. Hier kratzt ein Sender am letzten Fernsehheiligtum der Republik, hier macht sich ein Autor und Regisseur sogar ein bisschen lustig darüber – das ist nicht ungefährlich.

Was aber kann dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen besseres passieren, als dass darüber so heftig gestritten wird? Dass ein Film niemanden, der ihn gesehen hat, kalt lässt? Das gebührenfinanzierte Fernsehen krankt an einer oft beschämenden Mutlosigkeit – will man nun ernsthaft klagen, wenn es einmal etwas wagt?

Und selbst jenen, die sich ihres rituellen Sonntagabendvergnügens beraubt sahen: Darf es bei 40 neuen „Tatorten“ und gefühlt 500 Wiederholungen im Jahr nicht einmal etwas Verrücktes, Absurdes, Kunstvolles sein? Und das bitte sehr wohl unter der Dachmarke „Tatort“ und ganz ohne Vorwarnungen, die nur die Intelligenz des Zuschauers beleidigen?

Das andere, Unerwartete, Anspruchsvolle darf sich nicht in Spartenkanäle verabschieden, es muss seinen Platz auch immer im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Hauptsender finden. Senden ARD und ZDF nur noch das, was wir ohnehin schon bei RTL und ProSieben finden, verdienen sie unser Geld nicht.